Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 43 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 175 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 43 Komanbeilage des „Jüdischen Echos1 175 kein — ist für niemanden ein Rätsel: jedermann hat es gesehen!4 Das rief wieder ein allgemeines Gelächter hervor, und das Weib erbleichte stark, nichtsdestoweniger aber rief sie noch lauter: »Nein, ich habe für dich ein anderes Rätsel. Was ist das: Aus dem Fresser kam Süßigkeit, aus dem Mächtigen Zeitvertreib, aus dem Vernichter ein Narr?4 Als er diese Frage hörte, deren erniedrigender Sinn selbst mir klar war, erbebte er am ganzen Körper. Seine Stimme aber klang ganz ruhig, als er ihr antwortete: »Selbst in der süßesten Leckerei ist zuweilen Gift verborgen — genau ebenso, wie sich hinter der Liebkosung einer Buhlerin oftmals Verrat verbirgt.4 Wieder lachten die Philister, verstummten jedoch sofort wieder und warteten mit Neugier, was sie sagen würde: offenbar gelten solche Wortgefechte voll beleidigender Stichelei bei ihnen nicht als den Festgebräuchen widersprechend. Und in der Tat fuhr das Weib in ihrer Rede fort, wobei es mir schien, daß sich aus ihrer Stimme außer Jähzorn und Haß auch unterdrücktes Schluchzen heraushören ließ: ,Hier hast du noch ein Rätsel: Aus der Verstoßenen ging eine Siegerin hervor, und die Augen, welche sie einstmals mit Verachtung anblickten, werden nie mehr irgend etwas ansehen. Kennst du die Lösung dieses Rätsels?4 Worauf er sofort und ruhig antwortete: »Ich kenne sie, habe sie gehört: fünftausendfünfhundert Silberlinge.4 Sie jedoch schüttelte den Kopf und sagte, sich vorneigend: »Nein, du hast es nicht erraten. Die Lösung dieses Rätsels ist eine andere: es ist mein Name — Elinoar!4 Diesen Namen sprach sie mit derartiger Ausdruckskraft aus, daß auch mir, der ich ihn noch nie gehört hatte, ein Schauer über den Rücken lief; ich begriff, daß für den Gefangenen dieser Name irgendeine besondere Bedeutung haben mußte, und sah ihn mit Neugier an. Da die Strahlen der Abendsonne, durch die offenen Türen des Tempels hereinbrechend, sein Gesicht sehr grell beleuchteten, so konnte ich den Wechsel seines Ausdruckes deutlich sehen. Und wieder bin ich zu wiederholen gezwungen, daß dieser Räuber — falls der von ihr ausgesprochene Name ihm tatsächlich bekannt war — sich als der beste Schauspieler erwies, den ich jemals zu beobachten Gelegenheit hatte. Er stellte in seinem Gesicht alle Anzeichen einfältiger Hilflosigkeit dar, zog die Brauen hoch, öffnete sogar den Mund, bewegte den Kopf hin und her, als fragte er alle Anwesenden, und sagte schließlich: »Elionar? Wer ist denn das? Ich entsinne mich nicht.4 Bei diöser unerwarteten Antwort wankte das Weib genau so zurück, als hätte man sie ins Gesicht geschlagen, und drückte die Hände an ihre entblößte Brust. Nach einem Augenblick bereits aber preßte sie in größter Überwindung die Lippen zusammen, wandte sich nach den hinteren Säulenreihen des Tempels um und winkte von dort jemanden zu sich. Hierauf lief eine nubische Sklavin herzu, auf deren Armen ich so etwas Ähnliches wie ein Bündel erblickte, das in ein durchsichtiges weißes Gewebe gewickelt war. Das Weib nahm ihr das Bündel aus den Armen und rief, sich wieder an den Gefangenen wendend, aus: »Und jetzt löse das dritte Rätsel!4 Indem sie diese Worte aussprach, wickelte sie schnell das Gewebe auf und holte daraus ein nacktes kleines Kind hervor, das etwa drei bis vier Wochen alt sein mochte und, offenbar aus dem Schlafe geweckt, sofort laut zu weinen begann. Sie hielt es dicht vor das Gesicht des Gefangenen und schmiegte seine Händchen an die bärtigen Wangen des Riesen. Kaum aber hatte diese Berührung stattgefunden, als auch schon das Kind zu weinen aufhörte und sich zu ihm hinstreckte, wobei ich mich der bereits erwähnten Erzählungen erinnerte, daß der Riese sich überhaupt der Liebe der Kinder erfreute. Und in der Tat bekam sein Gesicht durch die Berührung der Kinderhand sonderbarerweise sofort Ähnlichkeit mit den Zügen eines kleinen Kindes, und er saß einige Augenblicke regungslos da, indem er nur bald die eine, bald die andere Wange, bald die Nase, bald die Stirn oder die geschlossenen Augen den ungeschickten Fingern des Kindes darbot. Doch plötzlich wich er ihnen aus und erhob sich hastig, wobei er eine Handbewegung machte, als wollte er das Kind ergreifen. Dies verhinderte jedoch das Weib, indem es ebenso schnell das Kind an sich drückte und einige Schritte zurücktrat. Darauf fragte er, jedoch bereits nicht mehr mit seiner früheren spotterfüllten Stimme, sondern so, wie ein Mensch spricht, der von heftiger Gefühlswallung ergriffen ist: »Wessen Kind ist das?4 Das Weib aber lachte und antwortete ihm: »Rate! Es wird tapfer und mächtig werden wie sein Vater, und ich, deren Milch zu Gift