Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 43 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 176 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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176 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 43 geworden ist, werde es lehren, das Volk seines Vaters zu hassen; und aus dem Richter und Beschirmer wird ein Feind und Vernichter hervorgehen.4 Da ertönte aus der Kehle des Riesen ein für mich sonderbares Gurgeln, das wenig Ähnlichkeit hatte mit menschlichen Lauten. Und er trat, die Hände ausstreckend, vor; doch stieß er gegen eine der Säulen, die das Dach über dem Dagongötzen und dem Opferaltar stützten. Das Weib aber blieb auf der gleichen Stelle stehen und lachte, sich das Kind an die Brust drückend, welches wieder kläglich zu weinen anfing. Mein Nachbar bemerkte hierzu halblaut und mit offenkundiger Ungehaltenheit in der Stimme, daß dies alles bereits eine Wendung nähme, die den Bräuchen des Festes nicht entspräche. Aber die Gemeinde war anscheinend derartig von dem vor ihren Augen stattfindenden Wettstreit hingerissen, daß in dem Tempel tiefste Stille herrschte, während in den hintersten Reihen fast alles stand und die Blicke bald auf das Weib, bald auf den Gefangenen richtete. Ich aber sah insbesondere ihn an, wobei ich bemerkte, daß der Atem sich seiner Brust geräuschvoll und mit außerordentlicher Anstrengung entrang und daß seine Hände ziellos umherirrten — die eine an der glatten Oberfläche der Säule, die andere an dem Kupfergitter, das den Opferaltar umgab, auf welchem noch ein Haufen glühender Kohlen glimmte. Doch plötzlich legte sich seine Erregung, ein Lächeln zeigte sich von neuem auf seinem Gesicht, und er sagte mit seiner früheren Stimme, obwohl außerordentlich laut und langsam: Jetzt erratet alle dieses letzte Rätsel Simsons: Zu Lebzeiten erschlug er viele, noch mehr aber in der Stunde des Todes — wer ist das?4 Ich begriff nicht sofort, ob er scherzte oder drohte. Aber nach einigen Augenblicken ahnte auch ich aus einem eigentümlichen Geräusch, das trotz des allgemeinen Schweigens (welches nur von dem Weinen des Kindes und dem Knistern der Kohlen auf dem Altar unterbrochen wurde) durch den ganzen Tempel ging, daß etwas unendlich Gefährliches sich vorbereitete. Zugleich aber schien es mir, als wären meine Glieder derart gefesselt, daß ich sie nicht rühren konnte; und ich nehme an, daß eine ebensolche Willenlosigkeit die ganze versammelte Menge im Banne hielt. Ebenso, wie wahrscheinlich auch alle übrigen, vermochte ich nur den Riesen anzusehen und (ohne zu begreifen, was uns bevorstand) mich über die neue Veränderung seines Gesichtes zu wundern, welches langsam dunkelrot wurde; mich zu wundern über die dicke, fast schwarze Ader, die auf seiner Stirn vortrat, und den mächtigen Hals, der doppelt so breit als vorher geworden zu sein schien; mich zu wundern über die steilen Höcker seiner Muskeln, die sich langsam auf seinen Schultern schwellten und an seinen beiden Armen entlangklommen, von denen der eine sich gegen die Säule und der andere auf das Altargitter stützte; mich über dies alles zu wundern, wie ein Kind oder ein ungebildeter Mensch über eine seltene Naturerscheinung staunt, ohne noch zu ahnen, daß sie der Vorbote entsetzlicher Dinge ist. Aber da ertönte aus den hintersten Reihen ein unruhiges, obwohl anfangs noch gedämpftes Murren erregter Stimmen, welches, immer näher zu uns heranrollend und um sich greifend, sich alsbald in ein allgemeines Geheul verwandelte, das so laut war, daß man, so schien es mir, selbst den Donner des Himmels schwerlich hätte hindurchhören können. Aber diese letztere Meinung war irrig, da plötzlich, alle diese Stimmen der Warnung, des Schreckens und Zornes übertönend, ganz deutlich vernehmbar der Schrei jenes Mannes erschallte, ein Schrei, wie ihn sich in dieser Kraft niemand vorstellen kann und der noch bis jetzt in meinem Ohr klingt: ,Mit euch zusammen gehe zugrunde meine Seele!4 Von dieser Stelle an, lieber Tephnacht, muß mein Bericht notgedrungen sich in eine Schilderung unglaublicher Dinge verwandeln; da ich mir dessen bewußt bin, daß auch ich selbst, wenn ich nicht Augenzeuge dieses Geschehnisses gewesen wäre, niemandem aufs Wort glauben würde, daß derartige Unwahrscheinlichkeiten möglich seien, verzichte ich von vornherein auf den Versuch, ihnen durch die Wahl ausdrucksvoller Worte vor Deinen Augen Glaubwürdigkeit zu verleihen. Er packte den Opferaltar unten an — eine Last, die ihrem Aussehen nach die Tragkraft mehrerer Büffel überstieg — und schleuderte ihn, nachdem er ihn ziemlich hoch über den Kopf erhoben, gerade in jene Richtung, von wo inmitten der wieder eingetretenen Stille das Weinen des Kindes erklang. Und ehe noch der Opferaltar inmitten des Krachens und Schreiens auf das Weib mit dem Kinde und die neben ihnen Stehenden niederstürzte, stoben von dem Altar nach allen Seiten zahllose rotglühende Kohlen auseinander. (Schluß folgt.)