Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 43 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 174 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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174 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 43 spielerisch bei weitem nicht als unbegabt erwies. Sein Gesicht vermochte trotz der geschlossenen Augen jeden beliebigen Ausdruck anzunehmen und selbst andere Gesichter täuschend nachzuahmen; und mit Hilfe der einfachsten Mittel, wie zum Beispiel durch leichte Verdrehung der Ellenbogen oder ein kaum merkliches Einziehen des Halses, verlieh er seiner hohen und stattlichen Gestalt bald das Aussehen eines untersetzten Dickwanstes, bald das Aussehen eines untersetzten Dickwanstes, bald eines jungen Mädchens. Was seine Stimme anbelangt, so bin ich einer derartigen Wandelfähigkeit noch nie begegnet. Er gab die Sprechweise anwesender Menschen mit -solcher Vollkommenheit wieder, daß selbst ich, alle Regeln unserer hauptstädtischen Vornehmheit vergessend, mich von Zeit zu Zeit gezwungen sah, mir den Bauch mit beiden Händen zu halten, um nicht vor Lachen zu vergehen. Ganz besonders gefiel mir eine Szene, die er mit verteilten Rollen spielte, indem er mit erstaunlicher Kunst etwa zehn Personen darstellte, die fast gleichzeitig sprechen. Aber aus irgendeinem Grunde hat das nicht dem Geschmack meiner philistäischen Freunde entsprochen. Soviel ich verstand (denn er gebrauchte hierbei viele mir unbekannte Worte aus der einfachen Volkssprache und machte auch die gebrochene Aussprache verschiedener Völker nach), ahmte er damit eine Schimpferei an einer der Grenzwachen nach, wo die philistäischen Posten von den Kaufleuten verschiedener Stämme den Zoll eintreiben. Anfangs lachten die Zuhörer sehr vergnügt, plötzlich aber, als der Gefangene in einer besonders abgerissenen Sprache zu sprechen begann und hierbei die Stirn leicht runzelte, wie ein Mensch, der einen mürrisch ansieht, brach das Gelächter ab, und der neben mir sitzende Freund flüsterte mir mit einiger Verlegenheit zu, daß der Gefangene jetzt einen Kaufmann seines eigenen Volkes darstellte, und daß er dies nicht hätte tun sollen. Der Gefangene ließ sich jedoch nicht beirren und zeigte in einer außerordentlich unterhaltsamen Aufeinanderfolge von Fragen und Antworten, wie sein Stammesgenosse, sich dumm stellend, sowohl den hochmütigen Hauptmann als auch den geschäftigen Rechnungsführer der Grenzwache allmählich in Schweiß bringt und sie zu guter Letzt übers Ohr haut. Diesmal klatschte man ihm bedeutend weniger als vorher — mit einer Ausnahme, auf die ich jetzt Deine Aufmerksamkeit mit um so größerem Vergnügen lenken will, da es sich um Deine und meine gemeinsame alte Bekannte handelt. Du erinnerst Dich gewiß unserer gemeinsamen Bekannten, die wir wegen ihrer Schönheit ,Königin Nophri4 nannten, obwohl sie fremdländischer Herkunft war — und die vor etwa zwei Jahren aus Memphis verschwand? Hier lebte sie, wie sich erwies, unter einem anderen Namen, aber ich erkannte sie sofort, als ich meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet hatte, daß sie als einzige unter den auf der vordersten Bank Sitzenden dem Gefangenen gerade nach dieser Vorstellung, die aus irgendeinem Grunde niemandem gefallen hatte, laut Beifall klatschte. Sie wiederholte sogar mehrere Male ihren beifälligen Ausruf, und da die übrigen schwiegen, so hörte und erkannte der Riese offenbar ihre Stimme, denn er drehte für einen Augenblick schnell den Kopf nach ihrer Seite, wandte ihn jedoch sogleich wieder ab. Der Umstand, daß sie sich auch als seine alte Bekannte erwies, machte mich selbstverständlich nicht staunen, da ich ihren Beruf und seine Riesengestalt in Betracht zog; aber danach ist mir die Feststellung gelungen, daß gerade dieses Weib den Philistern auf irgendeine Weise behilflich gewesen ist, den bis dahin unerhaschbaren Räuber gefangenzunehmen, wofür sie später von der Staatskasse eine hohe Geldbelohnung erhielt. Sie begnügte sich jedoch nicht damit, daß sie seine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, sondern sie beschloß offenbar, auch alle Anwesenden auf sich aufmerksam zu machen. Und in der Tat blieben von diesem Augenblick an und bis zum Schluß Augen und Ohren aller nicht nur auf den Gefangenen, sondern auch auf sie gerichtet. Wobei alles weitere sich mit solcher Schnelligkeit ereignete, daß ich beim Diktieren dieser Schilderung bei weitem nicht sicher bin, ob es mir gelingen wird, das Gespräch, das sich zwischen ihnen abspielte, mir so in Erinnerung zu rufen, daß ich es wiedergeben könnte. Ich will mich jedoch bemühen, das, was mir im Gedächnis haften geblieben ist, hier darzulegen. Das Gespräch wurde von dem Weib begonnen, und zwar damit, daß sie, sich ein wenig von ihrem Platz erhebend und sich an den Gefangenen wendend, ausrief: ,Du verstehst dich darauf, Rätsel zu stellen, Simson (das war, wie ich dir mitzuteilen vergaß, sein Name; oder vielleicht auch sein Spitzname, denn bei meiner letzten Reise hieß er anders) — verstehst du aber auch Rätsel zu raten?4 Worauf er nach einer Weile Schweigens mit einem Lachen antwortete: ,Was hast du für Rätsel, Schöne? Selbst das Muster blauer Äderchen auf deinen Sehen-