Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 43 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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4 i. ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) 31. Fortsetzung. Der Gottesdienst war schon längst beendet, die Sonne begann sich eben erst zu neigen, und wir verspeisten im Tempel würzige Süßigkeiten und tranken dazu einen ganz erträglichen Wein örtlicher Herkunft, als plötzlich Willkommenrufe erklangen und ich im Mittelgang zwischen den Bänken den bemerkenswertesten Mann erblickte, den ich je in meinem Leben zu sehen bekommen habe. Ich schrieb Dir schon von meiner früheren Reise und erzählte Dir dann auch mündlich, daß Philistäa, meines Erachtens, stolz war auf diesen Räuber, den Sohn irgendeines wilden Stammes, der, ich weiß nicht wo, im Vorgebirge im Osten von Philistäa lebt — einen Räuber, der Philistäa nicht wenig Schaden zugefügt hat: ein Widersinn, der bei uns Ägyptern undenkbar wäre, der aber mit dem sorglosen Leichtsinn der hiesigen Bevölkerung vollkommen übereinstimmt. Vor rund einem Jahr jedoch ist sogar den Leuten hier die Geduld gerissen: man nahm den Räuber gefangen, aber (wiederum ein Zug, unverständlich für uns, die wir in der strafenden Strenge Ägyptens erzogen sind) man richtete ihn aus irgendeinem Grunde nicht hin, sondern stach ihm nur die Augen aus und ließ ihn auf freiem Fuß, und so wurde er allmählich von neuem zum gern gesehenen Gast auf allen Festen Gazas. Ich bekam ihn jetzt zum erstenmal zu Gesichte. Sage Deinem langbeinigen Neger Schormastah, der mich, einen kräftigen Mann, so viele Male nach dem Abendessen wie ein kleines Kind auf den Armen fortgetragen hat, daß sein rasierter Schädel diesem Riesen nicht einmal bis zum Kinn gereicht hätte. Und doch waren seine Schultern so breit und überhaupt alle Gliedmaßen derart ebenmäßig in ihrem Verhältnis, daß er mir durchaus nicht ungeheuerlich erschien. Sein Gesicht aber versetzte mich durch seine Schönheit selbst in diesem Lande in Erstaunen, wo die geraden Nasen mit kaum auffälliger Krümmung, die schmalen Lippen und kleinen Ohren das Auge des Ägypters so sehr erfreuen und, leider, das ägyptische Herz mit so finsterem Neid erfüllen. Im Unterschied (Copyrigth by Meyer & Jessen, München) zu den Philistern hatte er keine Mütze auf dem Kopf, und in seinem dunklen, bei weitem nicht schwarzen Haar, welches sehr sorgfältig gekämmt war, bemerkte ich eine breite weiße Strähne. Das einzige, was mir an seinem Gesicht unangenehm war, das waren selbstverständlich die geschlossenen, unnatürlich eingefallenen Augen; ich erinnere mich, wie mir sofort der Gedanke kam, daß bei uns in Memphis selbst die Sklaven eines guten Hauses sich geweigert hätten, mit einem so offenkundig entstellten Mann zusammen an einem Tisch zu schmausen. Anderseits aber, als er sich mit der Gemeinde zugekehrtem Gesicht auf einen der Schemel gesetzt hatte, die für den Priesterstand dicht neben dem Opferaltar bereitgestellt waren, und, auf den lauten Chor der Begrüßungen antwortend, sehr vergnügt lächelte, da vergaß auch ich selbst seine Augen unter dem Zauber dieses Lächelns. Neben ihm stand ein kleines Mädchen, das ihn an der Hand herbeigeführt hatte (er erkannte, wie es heißt, nur minderjährige Führer an und lehnte hartnäckig die Dienste Erwachsener ab; überhaupt war er ein Liebling der Kinder). Nach dem schmucken Kleid zu urteilen, war das Mädchen aus einem reichen Hause. Nachdem er sich hingesetzt, strich er ihr mit der Hand über den Kopf und befahl ihr, unverzüglich nach Hause zu gehen: vielleicht einfach aus Grunde, weil es sich für Kinder in dieser Nacht durchaus nicht gehörte, im Tempel zu bleiben, vielleicht aber auch (wenn man annehmen wollte — wovon ich durchaus nicht überzeugt bin —, daß die weiteren Geschehnisse ihm schon vorher bekannt waren) aus Anhänglichkeit gegen dieses selbe Kind. Sein Kommen brachte große Belebung in die Menge. Von allen Seiten rief man ihm zu, und er antwortete; und jede seiner Antworten erwiderte die ganze Gesellschaft mit heiserem Gelächter, häufig sogar mit Händeklatschen. Ich schäme mich nicht, einzugestehen, daß sowohl an dem Gelächter als auch an dem Klatschen nach Verlauf nicht langer Zeit ich selbst mich zu beteiligen begann, und ich muß gestehen, daß dieser Höhlenmensch sich schau-