Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 42 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158538--12932-9081924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
170 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 42 „Warum hat Kami dich geschickt?“ fragte er nach langem Schweigen. Das Weib holte tief Atem, als sammelte sie Mut, und antwortete: „Sie ruft dich nach dem Norden. Sie sagte: Mein Haus — ist sein Haus, die Herden meines Mannes — sind seine Herden, ich und meine Kinder und Sklaven — sind seine Diener. Und das ganze Volk wird sich freuen, wenn er kommt, und er wird bei uns Richter sein wie früher in Zora.“ Sie beugte sich zu seinem Ohr und flüsterte: „Fischer aus Dor werden dich in ihr Boot aufnehmen und nach dem Norden bringen. Dort wird sie mit einer Karawane auf dich warten.“ Simson senkte das Haupt; das wiedergewachsene Haar fiel ihm ins Gesicht und verdeckte es zur Hälfte. Er schwieg wieder eine Weile. Er wußte, daß das Weib ihn ansah, aber er schämte sich bereits nicht mehr. „Deine Herrin hat ein gutes Gedächtnis“, sagte er schließlich. „Die Jahre verändern wohl das Antlitz, aber die Seele bleibt unverändert“, flüsterte sie. Er nickte, lächelte und sagte mit unerwarteter Bitterkeit: „Das ist wahr: deine Herrin hat sich nicht verändert. Einstmals hat sie gewollt, daß jener, der ihr Mann werden würde, jede Nacht unter ihrem Dache schlafe und nicht zum Fenster hinausschaue. Jetzt bin ich so. Ich trete nicht über die Schwelle und sehe nicht zum Fenster hinaus, und jetzt hat sie nach mir gesandt.“ „Nein“, sagte das Weib mit plötzlicher Festigkeit. „Nicht deshalb ruft sie dich, weil deine Augen verloschen sind. Wenn Gott es erlaube, gäbe sie ihre eigenen Augen her, damit du dich erheben und hingehen könntest, wohin du willst. Wenn du ihr deinen Ring an den Finger steckst, wird sie dein Weib werden; wünschst du es aber nicht, einerlei — ihr Haus wird dein Haus sein und sie selbst deine Dienerin.“ Simson wandte ihr wieder seine blinden Augen zu. „Wenn du ihr erzähltest,“ fragte er, „daß ich auch jetzt nachts nicht allein bin in meiner Eingeborenenhütte — was würde dann Kami dazu sagen?“ Er hörte deutlich, wie sie am ganzen Körper erbebte, vom Kopf bis zu den Füßen; aber sie antwortete ruhig: „Kami wird sagen: dein ist das Haus, und dein sind die Nächte, und ich bin deine Dienerin.“ Simson schüttelte das Haupt: „Sag’ deiner Herrin, daß auch ich ein gutes Gedächtnis habe. Ich entsinne mich aller ihrer Worte — wiederhole sie jetzt vor ihr in meinem Namen: Simson will nicht, daß sein Weib weine — weder über sein Leid noch über ihr eigenes. Und noch eines sage ihr. Einstmals hat sie mir so geantwortet: du brauchst ein Kätzchen zum Zeitvertreib — ich aber bin kein Spielzeug. Das ist wahr: die Frauen Dans sind nicht dazu geschaffen, den Mann in den Mußestunden zu zerstreuen. Aber auch die Frauen Dans haben Spielzeug gern: sie lieben es, eine Puppe zu hätscheln oder ein Kind — oder einen Kranken, der keinen eigenen Willen hat. Ich bin jetzt ein Spielzeug. Mag sein: für die Philister, sogar für die Eingeborenen. Aber nicht für Kami.“ Das Weib weinte, aber Simson bedrückte das nicht — es war ihm nur traurig zumute, ihretwillen, seinetwillen und überhaupt. „Sage ihr,“ sprach er, „daß noch nie ein verwundeter Adler in sein Nest flog, um dort zu sterben. Er stirbt in einer fernen Felskluft: dort sehen ihn die Eidechsen, die Käfer, die Geier — nur nicht das Adlerweibchen.“ „Ich gehöre nicht zum Adlergeschlecht“, stöhnte sie. „Doch, zum Adlergeschlecht“, antwortete er. Sie ergriff seine Hände und küßte sie lange weinend, ohne ein Wort weiter zu sagen; dann erhob sie sich, rief die Kinder wieder zu Simson zurück und folgte ihrem Treiber nach. * * * Als zweiter kam zu Simson Hermesch, jener selbe, der einstmals zu Simsons Schakalen gehörte und nach jener Versammlung in Zora, bei der die Gesandten Judas zugegen waren, den Stamm Dan zum Schutze des Richters erheben wollte. Er war mühelos zu Simson gelangt: fürchtete man doch Simson nicht mehr und bewachte ihn nicht einmal aus der Entfernung. Er brachte Simson traurige Nachrichten mit, von denen dieser nicht einmäl eine Ahnung hatte. Die Philister pflegten in seiner Anwesenheit nicht von diesen Dingen zu sprechen, und so hatte er den Eindruck, als hätte sich jetzt alles beruhigt, und als hätten sie Dan und Juda vergessen — vergessen, wie er selbst. Aber sie hatten nicht vergessen. Es war wieder wie in jenem Jahr nach der Feuersbrunst in Timnata, als er in die Felsenklüfte Etams fortging — es war, als wäre die Mauer einer belagerten Stadt eingestürzt und als gäbe es keinen Schutz mehr. Wieder zogen philistäische Abteilungen durch die Umgebung