Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 41 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 167 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158537--12928-9081921- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 41 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 167 wirteten ihn mit ungesäuertem Brot und mit vier Schalen Wein. Das alles waren Sitten, die sie von den Eingeborenen übernommen hatten, die aber im Lande Dan, Ephraim und Juda noch nicht eingebürgert waren. Es war Brauch, diese ganze Nacht im Tempel oder auf dem Tempelplatz zuzubringen, und kein anständiger Gatte fragte morgens seine Frau, mit wem und wie sie getanzt hatte. Manchen von ihnen hätte Simson hiervon erzählen können. Hielt er sich doch jetzt nicht mehr von den philistäischen Frauen fern; es war ihm einerlei. Doch wohnte er nach wie vor bei dem Zimmermann Ankor in der Eingeborenenvorstadt. So verging Monat um Monat, so näherte sich die Erntezeit und Simson begann sich zu langweilen. Es zog ihn nirgends hin, weder zum Licht, noch zu den Seinen, noch zu Raufereien; er langweilte sich einfach. Zuweilen kam es ihm vor, als wären auch seine Zechgenossen schon nicht mehr so vergnügt mit ihm zusammen wie einst. Richtiger, die Lustigkeit war die gleiche wie früher, aber es fehlte ihr die Würze. „In den Tagen der Stürme freuen sich seiner alle, im Sommer aber niemand; was ist das?‘< „Die Sonne!“ riefen mehrere Stimmen, und Simson nickte, obwohl er an etwas ganz anderes gedacht hatte. Er hatte gemeint: Tajisch als er noch ein Gewittersturm war und Tajisch, das harmlose Spielzeug. Neunundzwanzigstes Kapitel Manoas Narbe Eines Tages saß Simson auf der Bank vor der Hütte Ankors und scherzte, wie er das jetzt so gewohnt war, mit Kindern. Aus dem Hause klang das Geräusch des Messers, mit dem Ankor ein Brett glättete, und die Klänge des Liedes, das er vor sich hinsummte. Plötzlich ertönte Lärm aus der Ferne. Die Eingeborenen rannten die Straße herunter und schrien irgend etwas; auch die Kinder begannen zu schreien und stürzten davon. Eine Frau ergriff Simson an der Hand und sagte ganz außer Atem: „Laufe mit mir, Herr, der Tempelstier hat sich losgerissen!“ Er aber zögerte, einfach aus dem Grunde, weil er nicht mehr zu laufen gewohnt war, und fragte sie aus. Die Frau ließ schreiend seine Hand los und stürzte davon. Simson vernahm hinter sich die aufgeregte Stimme des Zimmermanns Ankor, der auf die Straße gelaufen war. Im gleichen Augenblick schlug ein hastiges, schnelles, aber wuchtiges Stampfen an sein Ohr. Er erhob sich und streckte die Hände vor, erst jetzt begreifend, daß er blind und hilflos war. Von allen Seiten, jedoch aus der Ferne, erklangen Schreie des Entsetzens, eine Stimme aber, — Simson erkannte sie als jene Ankors — schrie dicht vor ihm, nicht mehr als zwei Schritte von ihm entfernt. Gleich darauf ertönte ein schwerer Schlag und ein neuer Aufschrei der Menge, und an Simson vorbei raste, seine Kleider streifend, ein riesengroßer Tierleib. Das genügte ihm. Er warf sich von hinten auf den Stier, streckte sich bis zu den Hörnern vor, glitt auf die Erde und drehte, die Muskeln anspannend, dem brüllenden Tier den Kopf um. Es wurde ihm heiter zumute; er hatte schon lange nichts Ordentliches mehr getan und sah jetzt, daß seine Kärfte nicht nachgelassen hatten. Auf das Brüllen folgte alsbald ein Röcheln, dann brach der Stier neben ihm zusammen, schließlich krachten die Wirbel, und es war aus. „Herr,“ sagten die Eingeborenen, als Simson sich erhob, „der Stier hat den Zimmermann Ankor mit seinen Hörnern tödlich verwundet. Der Stier lief auf dich zu, Ankor aber stellte sich vor dich hin, um dich zu schützen.“ „Wo ist er?“ fragte Simson, schweratmend. „Wir haben ihn ins Haus getragen — hörst du, seine Frauen wehklagen bereits über ihn.“ Simson ging in die Hütte und setzte sich auf den Boden neben das Fell, auf dem sein Wirt lag. Ankor stöhnte Leise, während ein anderer, offenbar heilkundiger Eingeborener seine Wunden befühlte. Als dieser die Untersuchung beendet hatte, sagte er: „Er liegt im Sterben“, und Ankor hörte auf zu stöhnen und röchelte nur noch bei jedem Atemzug. Simson wußte nicht, was er sagen sollte. Es fiel ihm ein, daß er ja eigentlich nie mit diesem Menschen gesprochen hatte, der ihm Obdach gewährte. Die Leute im Hause Ankons, wie überhaupt alle Eingeborenen, sahen ihn als ein übernatürliches Wesen an, dienten ihm schweigend und antworteten nur, wenn sie gefragt wurden, und auch dann schüchtern — er jedoch fragte sie nur selten. Jetzt aber mußte er sprechen, und so sagte Simson: „Du hast mir das Leben gerettet, und du hast mich in dein Haus aufgenommen und mir zu essen gegeben und dich um mich gekümmert. Du bist ein guter Mensch, Avvite.“ „Gehet alle hinaus“, sprach der Zimmermann, und seine Frauen verließen die Hütte und führten die weinenden Kinder mit hinaus.