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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 41 (1928) Richter und Narr · p. Seite 168

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
41 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 168 (sequence 4)
Language
German
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168 Roinänbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 41 Simson und Ankor waren jetzt allein. Da sagte Ankor unter großer Anstrengung und mit langen Pausen: „Ich bin glücklich, daß ich dieses Wenige für dich tun konnte; denn du bist ein großer Wohltäter des armen Volkes, und auch noch deshalb, weil du — der Sohn des Mänoa aus Zora bist.“ „Du hast meinen Vater gekannt?“ fragte Simson. „Ich war Sklave in seinem Haus, als du, Herr, noch nicht auf der Welt warst.“ Simson antwortete nicht sogleich. Sein Gedächtnis arbeitete angespannt. Er erinnerte sich des Gespräches, das er auf dem Wege zur Hochzeit mit seinem Vater geführt hatte. „Avvite,“ fragte Simson, „du bist es also gewesen, der einmal auch meinen Vater vor der Hand eines Räubers rettete?“ „Nein, das war etwas anders“, antwortete der Zimmermann.. „Aber ich half ihm, einen Mann zu töten und in der Erde zu verscharren, und zur Belohnung schenkte er mir die Freiheit.“ „Zu töten?“ wiederholte Simson fassungslos — das entsprach so wenig der sanften Art Manoas. Plötzlich dämmerte noch irgendein Gedanke in ihm auf. Er wurde ganz Ohr und beugte sich tief zu dem Sterbenden vor. „Wann ist das gewesen?“ fragte er. „Schon lange her. Deine Mutter war damals noch kinderlos. Es ist im Jahre des Erdbebens gewesen.“ „Erzähle mir davon“, befahl Simson; seine Stimme klang heiser, die Kehle war ihm plötzlich ausgetrocknet. „Mein Herr nahm mir damals einen Eid ab,“ sagte der Avvite, „zu niemandem hiervon zu sprechen, aber er ist gestorben, und jetzt sterbe ich, und du bist sein Sohn.“ „Sein Sohn“, wiederholte Simson nickend. „Er weckte mich vor Tagesanbruch und sagte: ,Ankor, nimm einen Spaten und folge mir.4 Alle anderen Sklaven schliefen noch. Wir gingen bergab zum Brunnen. An dem Brunnen fand er in der nassen Erde die Spur eines unbeschuhten Fußes. Es mußte das der Fuß eines sehr starken Mannes gewesen sein, denn die Spur war sehr groß.“ „Ein unbeschuhter Fuß?“ fragte Simson. „Ein unbeschuhter. Darauf sagte mein Herr: ,Ankor, du verstehst dich aufs Spurenlesen/ — ich war nämlich in meiner Jugend Jäger — ,laß uns den Mann verfolgen.4 Und wir folgten der Spur. Zuerst gingen wir durch das Tal, dann über die Berge. Die Spur war deutlich zu sehen, denn es war damals eine staubige Zeit, und . der Mann war schwer. Schließlich gegen Mittag, holten wir ihn ein. Er war mit einem wollenen Gewand bekleidet wie ein Hirte, doch war es ganz zerlumpt. Er hockte auf einem Stein und aß. ,Was wollt ihr von mir?“ fragte er. Dein Vater hatte einen Stock in der Hand — den erhob er und stürzte auf den Mann los; er sagte dabei nichts, nur seine Zähne schlugen aufeinander, und ich folgte ihm mit dem Spaten. Aber der Mann war großen Wuchses und hatte einen schweren Wanderstab. Als mein Herr auf ihn zustürzte, schlug ihn der Mann auf den Kopf, und mein Herr brach zusammen. Da tötete ich den Mann mit dem Spaten.“ Ankor fiel das Sprechen schwer, aber Simson dachte nicht daran. „Weiter!“ befahl er. „Ich trug meinen Herrn an eine Quelle, und dort kam er wieder zu sich, konnte sich jedoch lange nicht auf richten. Vor dem Abend noch kehrten wir an jene Stelle zurück; ich schleppte die Leiche ins Tal, und dort verscharrte ich sie und warf einen Haufen Steine auf. Und wir gingen nach Zora zurück. In der Nacht, als wir schon fast wieder zu Hause angelangt waren, sagte dein Vater zu mir: ,Ich schenke dir die Freiheit, doch mußt du unser Land für immer verlassen; erwarte mich hier morgen gegen Abend — ich werde dir Silber bringen, und du wirst ein begüterter Mann werden; doch sprich nie zu irgend jemandem hiervon.4 Ich schwor es ihm und blieb dort im Gebüsch zurück. Am Abend brachte er das Silber, und ich ging in meine Heimat, nach Gaza.“ Seine Worte waren bereits nicht mehr leicht zu verstehen, aber Simson hatte noch eine Frage im Kopf, er wollte sie aussprechen, scheute sich jedoch. Die Zähne aufeinanderbeißend, fragte er schließlich: „Wer war jener Mann? Welchem Stamme gehörte er an?“ Und mit einer Anstrengung, die noch viel stärker war als jene, mit der er dem Stier das Genick brach, sprach er das für ihn schwierigste Wort aus: „Ein Philister?“ „Nein“, röchelte der Avvite. „Als ich die Grube gegraben hatte, befahl mir mein Herr, die Lenden jenes Mannes zu entblößen. Er war beschnitten, wie es in eurem Volke Brauch ist; und als ich das meinem Herrn sagte, weinte er.“ Simson aber lachte, Er lachte nicht laut, aber lange, und dachte: zu spät. Und es war ihm auch gleichgültig. Das Schlimmste war, daß man damals in der Volksversammlung dem Zahnlosen geglaubt hatte — daß es ihm alle, sofort, rückhaltlos geglaubt hatten. (Fortsetzung folgt)

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