Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 40 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 162 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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162 Romanbeüage des „Jüdischen Echos“ Nr. 40 Jetzt schwieg der Saran. Seine Augen aber waren für Simson unsichtbar, sie hatten überhaupt kein Feuer mehr, und jetzt hatte sie der Saran zudem noch durch die gesenkten Lider verdeckt. „Richter, Stadtoberhaupt, Hauptmann“, fuhr Simson fort, „habe ich stets bei euch bewundert, weil sie die Handlungen ihrer Amtspflicht so geschickt und pünktlich vollziehen, dann aber kommen sie in das Haus einer Buhlerin und spotten darüber. An den Festtagen legen sie alle alte Tracht an, sitzen regungslos und still im Tempel. Dann aber, beim Weinbecher, reden sie davon, daß die Festkleidung der Frauen mit entblößter Brust viel hübscher sei als die Alltagskleidung, und streiten sich darüber, wer rundere Brüste habe, ob Harsith oder Aguba. Dagon aber, den sie am Morgen anbeteten, nennen sie einen Bastard von Esel und Hering, und Baal-Sebub — wenn es in Ekron ist — den König der Flöhe.“ „An den Taten, nicht am scherzhaften Zeitvertreib erkennt man die Wurzel des Menschen“, sagte streng der Saran. „An den Taten erkennt man, was für ein Mensch er heute ist,“ erwiderte Simson, „aber nur beim Becher offenbart er dir, was er morgen sein wird; er selbst oder sein Enkel. Taten? Sie tun alle, was notwendig ist, weil es notwendig ist. Über alles aber, was sie tun, spotten sie, und die Wurzel, von der du sprachst, ist schon längst vom Spott angefressen. Eure Lebensordnung ist vergleichbar mit dem besten Gewebe, Faden ist dicht an Faden gereiht, doch wurde es von euren Urvätern gewebt, und die sind schon lange nicht mehr am Leben. Ihr bewahrt und tragt es aus alter Gewohnheit, reißt es aber einmal, so wird es niemand ausbessern können ... Die Wurzel? Alles habe ich bei euch in diesem Lande zu sehen bekommen, eine Wurzel aber sah ich nicht. Ihr trinkt mit Geschmack, brecht mit schöner Gebärde euer Brot. Eure Ackerbauer aber, eure Fischer und Hirten — sie sind alle dort geblieben, auf den Inseln, ihr aber seid hier wie Öl auf dem Wasser, wie Moos an der Mauer ...“ „Aber du liebst uns“, sagte der Saran. „Euch liebe ich,“ bestätigte Simson, „dafür liebe ich Dan nicht und hasse seine Verwandten. Dort ist alles anders. Wenn einer in das Alter kommt, da er an den Zusammenkünften der Ältesten am Stadttor teilnehmen darf, wird dieser Mensch unerträglich in seinem Hause. Einen Monat vor der Versammlung und einen Monat hinterher spricht er nur noch von den Stadtsorgen und sieht mit Wolfsaugen den Nachbarn an, seinen alten Freund, der anderer Meinung ist als er. Dort ist der Levit, ein Schlaufuchs mit aalglatter Zunge; weckt man ihn aus dem Schlaf, so erfindet er einem auf der Stelle ein Gebet auf eine neue Gottheit, von der er noch nie gehört hat; lacht man aber über dieses selbe Gebet, so ist er beleidigt und kehrt einem den Rücken. Ihr Leben ist wie Sand, es besteht aus lauter Kleinigkeiten, um jeder dieser Kleinigkeiten aber sind sie bereit, sich zu streiten, sich maßlos zu freuen oder grenzenlos betrübt zu sein. Bei euch ist Ordnung sogar auf dem Felde des Eingeborenen. Unter eurer Aufsicht ackert auch er in gleichmäßige Streifen. Dan kennt keine Aufsicht, es pflügt selbst, hastig, unordentlich. Es beneidet sowohl den Nachbarn als auch den Eingeborenen, möchte immer auf allen Wegen irgend jemanden überholen — und darum sind überall seine Netze ausgeworfen, sein Same überall verstreut. Es gibt dort weder Rang noch Ordnung; es ist ein Durcheinander von Städten, Altären und Gedanken. Der Ackerbauer haßt den Hirten, Benjamin kann Juda nicht leiden, den Propheten sind alle verhaßt. Über dem allen aber ist eines, das allen gemeinsam: das hungrige Herz. Eine Gier nach allen Dingen, gesehenen und ungesehenen. In jeder Seele ist Auflehnung gegen das, was ist, und der Schrei: Noch! Noch!“ „Gesindel!“ fiel ihm der Greis verächtlich ins Wort. „Nur der Stock kann sie einigen. Das ist es, was ich dir vorschlage.“ „Wozu braucht ihr das?“ sprach Simson lachend. „Damit sie euch noch schneller verschlingen? Sie werden es ohnehin tun.“ Der Saran prallte zurück, aber er war ein beherrschter Mann. Der Erregung nicht nachgebend, fragte er: „Glaubst du wirklich daran?“ Er hob hierbei die Lider und erblickte von neuem Simsons Augen. Sie bohrten sich jetzt gleichsam tief in sein Gehirn. „Die Führer,“ antwortete Simson, „die richtigen Führer verstehen einander; glaubst du etwa daran?“ „Höre, woran ich glaube,“ sagte der Saran, und Ungeduld hatte sich in seine Stimme geschlichen, „wenn ein Mensch ein Volk liebt, ein anderes aber haßt und er in dem einen Volk Freunde hat, während in dem anderen sich seine Verräter befinden, so ist sein Platz unter den Seinen und gegen die Fremden.“ „,Liebt4, ,nicht liebt4,“ antwortete Simson verächtlich, „du bist ein weiser Mann, doch sprichst du mit mir in der Sprache der Weiber. Unterscheidet man denn ,mein4 und,fremd4