Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 38 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158533--12913-9081909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 38 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 155 ich deinen Namen vor mich hin, deinen Namen .. Ehe er noch zu Ende sprach, versuchte sie eine Hand zu befreien, um seine Lippen zu verschließen, sie zu verhindern, den Namen auszusprechen. Aber in dem Schraubstock seiner Arme vermochte sie sich nicht zu rühren, und so sagte er ihr gerade ins Gesicht, sie mit seinem Atem versengend, zweimal hintereinander: „Semadar .. „Laß mich los — ich hasse dich!4 schrie sie, aber der Schrei wurde von seinem Kuß erstickt, und sie vermochte ihre Lippen nicht loszureißen. Mit einem Stöhnen und Röcheln letzter Raserei biß sie ihn, aber Simson fühlte es nicht. Mächtig waren die Zaubertränke der Priester von Memphis: fünf Tropfen, davon galten als hinreichend, sie aber hatte Simson zehn gegeben, und der letzte Tropfen war wohl stärker als alle andern. Die Dunkelheit war hereingebrochen. Am Zelteingang zeigte sich die Negerin mit einem Öllämpchen. Vorsichtig blickte sie ins Zelt herein. Ihre Herrin lag auf dem Teppich, das Gesicht nach unten gekehrt, den Kopf ins zerdrückte Kleid gehüllt. Im unstäten Licht des Lämpchens schien es der Äthiopierin, als sei die Seide des Kleides in Fetzen gerissen Dalila erhob den Kopf, und auch ihr Gesicht erschien der Sklavin sonderbar. Mit einer stummen Mine fragte sie, ob sie das Abendessen bringen solle; Dalila antwortete mit einer Gebärde: Geh fort. Die Negerin setzte das Lämpchen am Eingang nieder und ging. Dalila erhob sich. Ihre Zähne schlugen aufeinander: es war kühl geworden; sie wickelte sich ins erste beste, was ihr in die Hände geriet. Simson lag schon lange regungslos mit geschlossenen Augen da; er rührte sich nicht beim Geräusch ihrer Bewegungen. Sie trat ans Bett; er schlief offenbar, atmete aber unregelmäßig und bewegte die Lippen. Sie lächelte bitter und erbost; ein Schwarm unguter Gedanken bestürmte ihren Kopf, aber sie war nach jenem Augenblick der Folter und Schmach noch nicht genügend zur Besinnung gekommen, um große Entschlüsse zu fassen. Sie hätte ihn nur gern geweckt und ihm etwas gesagt — was aber, darauf kam sie nicht. Möge er nur schlafen. Je fester, desto besser. Sie wird sich schon noch etwas ausdenken, aus hundert unguten Gedanken einen einzigen auswählen; nur mußte sie Zeit dazu haben und er schlafen. Schlief er aber auch? Und auch fest? Sie rief ihn an, nicht sehr laut, mit den ersten besten Worten, die ihr einfielen: „Simson! Die Philister kommen!“ Er sprang vom Bett auf, setzte sich hin und sah sich um. „Ich scherzte nur,“ sagte sie, „wollte bloß sehen, ob du eingeschlafen bist.“ Sie nahm das Lämpchen vom Boden, ging an ihren Tisch, wählte die erforderlichen Fläschchen aus und mischte ihm den Schlaftrank. Er saß da, murmelte etwas vor sich hin, rieb sich bald die Stirn, bald den Nacken, bald die Brust. Jedes Geräusch seiner Bewegungen war für sie wie ein widerlicher und verhaßter Peitschenhieb; ihre Hand erzitterte vor Eckel, sie hätte sich fast mit den Tropfen verzählt. Wieder genau zehn. Warum nicht mehr? dachte sie plötzlich. Warum nicht zwanzig? Warum nicht das ganze Fläschchen? Nach zwanzig, hieß es, könne ein Mensch nicht wieder erwachen. Aber ein anderer Gedanke, noch nicht vollständig gereift, schlug ihr den ersten wieder aus dem Kopf. Zehn, nicht mehr. Er mag einschlafen; dann wird sie allein sein in der Stille und wird nachdenken können: das war die Hauptsache. „Trink!“ Er trank gehorsam, wischte sich auf bäurische Art den Mund mit dem Handrücken, legte sich hin und schloß die Augen. Sogar den Geschmack dessen, was er getrunken hatte, erfaßte er nicht sogleich; erst eine Minute hinterher verzog er das Gesicht und sagte träge: „Bitter!“ Plötzlich fielen ihm gleichsam Kopf und Arme ab, der Atem wurde gleichmäßig, und er schlief ein. Dalila stand noch lange am Eingang. Es war kalt: wieder schlugen ihre Zähne aufeinander. Aus dem Dickicht hinter dem Zelt klang ein gemächliches Schmatzen und das Stampfen im Grase umherstapfender Hufe herüber, und die Stimme der Negerin, die das angebundene Pferd tätschelte. Dalila lauschte mit gerunzelten Brauen: sie blickte sich nach dem Bett um und entfernte sich geräuschlos in der Richtung des Haines. Die Äthiopierin war aus der nubischen Wüste gebürtig, wo Männer wie Frauen von Kind an auf dem Kamel, dem Maultier, auf was man nur wollte, sogar auf Pferden zu reiten verstanden. Nach einem Gespräch mit Dalila führte sie das Pferd etwas weiter vom Flusse fort, wobei sie ihm immerfort auf den Hals klopfte und ihm zuredete, nicht zu stampfen und nicht zu wiehern. Als sie sich weit