Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 38 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- IRI
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154 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos“ einen anderen trinken.“ Er schwieg. Da flüsterte sie ihm noch leiser zu: „Zuerst bekommst du ein Kraut, das dich mich lieben macht, das wird wie ein Gewittersturm sein. Danach wird dir leicht werden, und dann gebe ich dir den Schlaftrunk, und es wird wieder alles gut sein .. Er antwortete nichts. Sie lief an den Tisch, entkorkte irgendein Gefäß, schüttete irgend %twas in ein Schälchen, mischte und zerrieb es — dann hielt sie inne, wandte sich ihm zu und sagte mit halber Stimme, durch das Zittern unterdrückter Tränen hindurch: „Denn heute liebst du mich nicht...“ Er antwortete nicht; wahrscheinlich hatte er es nicht einmal gehört. ❖ * * Die Sonne ging bereits unter, als Dalila den Vorhang am Zelteingang zurückschlug und sich wieder am Kopfende des Bettes auf den Boden setzte. Simson lag da und sah sie an. Seine braunen Augen waren tief unter den Brauen versunken und erschienen schwarz, so sehr hatten sich die Pupillen geweitet. Dalilas Augen, umgeben von dem dunkellila Rand der glückselig ermüdeten Lider, schillerten feurig-grün. Die Sonnenstrahlen schlugen schräg durch ihr Haar, ihr ganzer Kopf war von einer Wolkfe flaumigen Goldes umgeben, daraus wie aus einem Fensterchen ihr blasses, müdes und glückliches Gesicht hervorsah. Sie lachte vor stolzem Glück. Trotz der Müdigkeit hätte sie gern getanzt oder in die Hände geklatscht. An einem Zeltpfosten hing eine Laute. Sie setzte sich mit gekreuzten Beinen auf den Boden, legte die Laute auf die Knie und begann ein aufreizendes Lied in ägyptischer Sprache zu singen, brach plötzlich mitten im Gesang ab und begann ein anderes, brach es wieder ab und ging zu einem Lied über, das man einstmals in Philistäa viel gesungen, aber längst wieder vergessen hatte: „Ich liebe dich, Liebster, wenn du bei mir bist; ziehst du in den Krieg, so wird ein anderes Schlaflager mein Flüstern vernehmen. Doch bin ich dir treu, ewig nur dir. So plätschert das Meer, in den Stunden der Flut, dem Monde entgegen. Kommen dann mondlose Nächte, so meinen die Sterne, daß für sie die Brust des Meeres sich hebe. Ihr törichten Sterne! Ob der Mond nun leuchtet oder ob er verborgen — nur ihm gilt die Flut.“ Simson erhob sich, ohne die Augen zu öffnen, und streckte die Arme nach ihr aus. Und als er sie umschlungen hielt, sagte er ihr durch die zusammengepreßten Zähne plötzlich ein Wort, das sie noch nie von ihm gehört hatte Nr. 58 '4 und um das zu bitten sie selbst im Taumel jener glücklichen Stunden nicht gewagt hatte: „Geliebte...“ Es war ihr, als müßte sie ersticket!, so sehr schlug ihr Herz vor Freude. Die Sonne verblaßte für sie, die ganze Welt versank, es blieben nur er und sie, und zwischen ihnen dies furchtbare Wort „Liebe“, das niemand, selbst der Abend nicht belauschen darf. Und, sich an sein Ohr schmiegend, fragte sie kaum vernehmbar : „Liebst du mich?“ „Ich liebe dich.“ „Schon lange?“ „Mein ganzes Leben lang.“ „Warum sagtest du es nicht?“ „Ich sagte es, du hast es vergessen.“ Er antwortete sinnlos wie in einem Fieber, ’; doch glaubte sie ihn zu verstehen. Vielleicht aber war es auch nicht so — sie war einfach restlos glücklich. „Weißt du auch, wie sehr ich mich nach dir sehnte?“ „Auch ich sehnte mich nach dir.“ „Noch vor jener Nacht — in Gaza?“ „Schon* seit jenem ersten Morgen — im Frühling — als du sagtest: ,Ich fürchte mich!4 — entsinnst du dich? — in Timnata.“ Irgend etwas traf Dalila schmerzlich mitten ins Herz. Ihr wurde unheimlich und frostig zumute; sie versuchte sich aus den Umarmungen zu befreien und sagte klagend: „Laß mich los, Simson, ich möchte deine Augen sehen ...“ Aber aus Simsons Augen ließ sich bereits . nichts mehr herauslesen außer dem Fieber von den letzten Tropfen ihres Zaubertrankes. : Und sie blickten drein, gleichsam ohne zu sehen, wie die Augen eines fiebernden Menschen. Sie wollte sich losreißen, aber er zog j sie an sich und sprach mit erstickender [ Stimme: „Ich habe dich alle diese Jahre geliebt. Nur; wußte ich nicht, daß du zurückkommen könn-; test. Du bist also nicht gestorben? Ober bist [ du gestorben und wiedergekehrt? Ich habe Lj dich gerächt habe Timnata eingeäschert, habe y Achturs Schädel zwischen den Knien zermalmt. B Aber ich habe nicht gedacht, daß du wiederkehren würdest. In Gaza, in jener Nacht, da | du mich rettetest, meinte ich dich erkannt zu : haben — warum nanntest du nicht deinen j Namen, warum sagtest du nicht, wer du bist?; | Doch ich erkannte dich, nur sagte ich es nicht | j laut. Im Inneren meiner Seele aber, jedes Mal, ■- | damals in Gaza und in jenen sieben Nächten in deinem Zelt, und auch heute — wiederholte