Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 38 (1928) Richter und Narr · p. Seite 156

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
38 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 156 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158533--12914-9081910
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

156 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 38 genug entfernt hatte, schwang sie sich in den Sattel, ohne den Steigbügel zu benützen, und galoppierte in die Richtung von Ekron davon. * Dalila saß von neuem auf dem Teppich, die Augen unverwandt auf den Schlafenden gerichtet. Sie hatte sich ganz eingewickelt und zusammengekauert, man sah weder ihr Gesicht noch das Haar; ein Fremder hätte sie sowohl für ein Kind als auch für eine alte Frau halten können. Simson rührte sich nicht; er atmete im Schlafe gleichmäßig, langsam und lautlos. Er lag auf der rechten Seite; sein Haar, das sie in jenen Stunden auflöste, hatte sich auf dem Kissen ausgebreitet. Eine Strähne war ihm in die Stirn gefallen und hing bis zu den Lippen herab. Ohne sich dessen bewußt zu werden, ganz gewohnheitsmäßig, hob Dalila die Hand und strich die Strähne zur Seite; dabei berührten ihre Finger Simsons Wange — Dalila fuhr zusammen vor Schreck, aber er erwachte nicht, ja, rührte sich nicht einmal. Ganz in der Nähe heulte plötzlich eine Schar Schakale; dann fiel etwas Lebendiges schwer und klatschend ins Wasser. Simson schlief. Ein unheimliches Gefühl bemächtigte sich ihrer: als wäre das alles schon einmal so gewesen. Der schlafende Riese, der keine Berührung merkt; eine weibliche Gestalt an seinem Bett; Nacht. Jeden Augenblick konnte er erwachen — und den Namen aussprechen, mit dem er eingeschlafen war, den verhaßtesten Namen auf der Welt — und würde ihr mit der Ferse ins Gesicht treten... Sie neigte schnell den Kopf vor und verbarg ihn in den Händen; dann kam sie wieder zur Besinnung, sprang auf, biß sich in die Hand, daß es schmerzte, und sagte erstickend, mit den Zähnen klappernd: „Diesmal wirst du mich nicht schlagen!“ Erst jetzt merkte sie, daß sie fror. Das Tuch, in das sie sich vorhin gehüllt hatte, war ihr längst von den Schultern geglitten. Sie mußte sich ordentlich ankleiden; bei Tagesanbruch würden Gäste kommen. Sie ging hinter die Scheidewand des Zeltes, wo auf einer langen dicken Schnur ihre Kleider hingen, wählte tastend eines davon aus und kehrte ins Helle zurück, um sich anzuziehen. Jetzt war sie vollständig ruhig. Sie betrachtete sich im Spiegel, löste das Haar und ordnete es wieder, salbte Gesicht und Hals und trocknete sich dann ab. Sie griff sich in die Achselhöhlen, um zu prüfen, ob sie glatt waren und ob sie nicht mit dem Rasiermesser darüber fahren oder eine kleine Büchse wohlriechender Lauge öffnen müßte, die noch besser wirkte als das beste Rasiermesser: aber es erwies sich als überflüssig. Dann kleidete sie sich an, verschnürte und knöpfte, tat das alles aufmerksam bis in alle, Einzelheiten. Es war eines ihrer ägyptischen Kleider. Dazu gehörte der „Caphtor“. Sie öffnete eine Schatulle und holte daraus, mitten aus einer Unmenge von Ketten und Halsbändern, einen ovalen Amethist in Gestalt eines Käfers hervor, und da fiel ihr das Gespräch mit Simson über dieses Schmuckstück ein, über die goldenen Ringe in den Nasen der Sklaven über die Edelleute des Landes Benjamin, denen er einmal die Bärte abschor, und auch darüber, warum den Mena sehen das Unnötige wichtiger erscheine als! das Überflüssige ... f In dem Docht des Öllämpchens hatte sich | irgend etwas festgesetzt und die Flamme 1 gestört — jetzt leuchtete sie plötzlich wieder | heller auf und ließ Dalila gleichsam ihre Gedanken in einem grelleren Lichte erscheinen. £ Erst jetzt begriff sie — gab sie sich Recheni Schaft darüber, warum sie nur zehn Tropfen in die Schale mit dem Schlaftrank geträufelt a hatte, nicht zwanzig und auch nicht hundert. : Töten kann man jemanden zur Sühne für zu- - gefügten Schmerz; für Schmach aber — da war Tod nicht die richtige Sühne. Das ganze k Leben lang, solange man sich seiner selbst I erinnert, ein und derselben Sehnsucht zu leben; vom ersten Morgen an ein und dask selbe Wesen zu hassen, das einem den Weg; versperrt; einen Traum durch die sieben f Höllenfeuer zu tragen, die sich Leben nennen, >:• unter dem Spott betrunkener Eingeborener in der Nacht der Feuersbrunst, unter den | Peitschenhieben des Sklavenhändlers, im | Schmutz billiger ägyptischer Spelunken, im | Harem eines verfaulenden, räudigen Greises J — durch dies alles und sogar durch das | stumpfsinnig satte, eintönig trunkene, lustige § Leben der reichen Buhlerin die Sehnsucht | nach einem Antlitz, einer Stimme hin- § durchzutragen; diesen einen zu finden, zu | gewinnen, seine Nähe zu trinken — und dann § plötzlich zu erkennen, daß du für ihn nicht 1 du bist, daß dein Haar, deine Augen, deine I Lieder und Liebkosungen ihm nur lieb sind durch die Erinnerung an eine andere — an jene selbe andere, die ihn dir seit dem ersten Morgen nahm... Für das alles würde der Tod allein nicht genügen: die Schmach bliebe ungelöscht, der Spiegel und die Vögel und der Wind würden über sie spotten. Für Schmach gibt es nur eine Sühne: Schmach. (Fortsetzung folgt)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.