Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 38 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) (Copyrigih by Meyer & Jessen, München) (26. Fortsetzung) „Ich hab‘ es doch gewußt!“ rief sie und eilte ans Ufer, hob laufend einen wolligen Mantel von der Erde auf und hüllte sich laufend hinein. Kurz darauf trug Simson sie ins Zelt. Sie weinte und lachte zugleich, ihre Hände huschten ihm gierig über Gesicht, Haar, Schultern und Knie; mit erstickendem Atem flüsterte sie irgendwelche zusammenhanglose Worte der Freude und Zärtlichkeit und wiederholte immer wieder: „Ich habe doch gewußt, daß du zurückkehren wirst, ich mochte nicht fort von hier .,.“ Dann begann sie, ohne ihn loszulassen, echt weiblich Frage um Frage zu stellen, Fragen, deren Simson mit einer ganzen Erzählung hätte erwidern müssen, aber sie wartete gar nicht auf eine Antwort. Ihre Fragen waren vorläufig nur eine andere Form von Zärtlichkeit, noch eine Art mehr, sich dichter an ihn zu schmiegen. Sie war in der Tat ganz außer sich vor Glück. Aber plötzlich brach Ihre Stimme jäh ab, sie schob ihn von sich und sprach ihn voller Unruhe an: „Simson, was ist mit dir?“ Es ging mit ihm in der Tat etwas Sonderbares vor. Er runzelte die Stirn, kniff die Augen zu, bewegte den Kopf langsam hin und her, wie er es zu tun pflegte, wenn er irgendeinen schwierigen Gedanken zu verstehen suchte. Was das für ein Gedanke war — das hätte er jetzt selbst nicht zu sagen vermocht. Er war bis aufs Äußerste ermüdet, wie noch nie in seinem ganzen Leben; sogar den Namen „Dalila“ auszusprechen fiel ihm schwer. Aber irgend etwas schien ihm nicht in der Ordnung zu sein, besonders, daß er sie eben erst vom Ufer aus im Wasser erblickt hatte; das war aus irgendeinem Grunde nicht gut, das hätte nicht sein sollen. In einer Lücke seines matten Bewußtseins blinkte wieder der Traum auf, den er damals, ans Pferd gefesselt, gesehen hatte — eine Senke, Bienen, ein schmucker Knabe und noch etwas, das Wichtigste — aber die Lücke schloß sich gleich wieder, und Dalila ansehend blinzelte er nur noch hilflos. „Du bist müde, mein Armer“, sagte Dalila. „Erzähle nichts, es ist nicht nötig — nachher. Ich werde dir zu essen geben, und du schläfst dich aus.“ Ohne recht zu wissen, was mit ihm geschah, verzehrte und trank er, was ihm vorgesetzt wurde, ließ er sich die Schuhe ausziehen und die Füße waschen, legte er sich hin, wo man ihn hinbettete, schloß die Augen und rührte sich nicht mehr. Dalila setzte sich ihm zu Häupten auf den Zeltboden. Aber es kam ihm kein Schlaf. Es schliefen die Gedanken, es schliefen die Muskeln, er selbst aber schlief nicht. Das war qualvoll, hatte Ähnlichkeit mit Hunger oder jenem zehrenden Schmerz von den fest zugezogenen Fesseln. Er lag lange so da; schließlich öffnete er die Augen und begegnete Dalilas Blick. Wieder blinkte eine Lücke in seinem Bewußtsein auf; irgend etwas war nicht in Ordnung — und wieder war er zu träge, darüber näher nachzudenken. Er bemerkte nur, trotz der Umnebelung seines Bewußtseins, daß Dalila unter seinem Blick erzitterte, tiefrot wurde und dann erbleichte. Für den Bruchteil eines Augenblickes erwachte in ihm sein altes, eigenartiges Ahnungsvermögen, das ihm gewöhnlich in den Gedanken der Menschen zu lesen half. Aber auch dieser Instinkt flatterte nur, wie eine von den Tauben, denen ben-Schuni am Altar das Köpfchen abzureißen pflegte, mit den Flügeln und vermochte nicht hochzufliegen. „Ich kann nicht einschlafen...“ sagte er ärgerlich. Dalila erhob sich, ging in eine Zeltecke, in der Simson sie nicht sehen konnte, und sagte von dort aus: „Ich werde dir ein Schlafkraut geben.“ Sie ging an den Tisch, wo ihre Fläschchen und kleinen Büchsen aufgestellt waren. Sie nahm erst die eine, dann die andere. Aber ihre Augen liefen unruhig hin und her, sie biß sich auf die Lippe. Plötzlich sah sie ihn aufmerksam an, lächelte, näherte sich ihm. geräuschlos, beugte sich über ihn, bedeckte ihm die Augen mit beiden Händen und flüsterte: „Simson... ich werde dir einen Schlaftrank geben, aber nicht sofort. Erst mußt du