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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 36 (1928) Richter und Narr · p. Seite 147

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
36 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 147 (sequence 3)
Language
German
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? Nr. 36 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 147 andere dann und dann. Darauf galoppierte ein Hauptmann an ihm vorüber, und Simson mußte daran denken, was für kümmerliche Gäule alle diese Hauptleute im Vergleich zu den Pferden Achischs hatten. Jenes, auf dem Simson ritt, hatte bei den Rennen fast immer gesiegt; einmal hatte es sogar Achischs eigenes Pferd überholt — auf dem damals selbstverständlich nicht Achisch, sondern jemand anders saß. Achisch ließ sich nicht überholen. Simson lächelte plötzlich: es fiel ihm ein, welchen Verdacht alle gegen den Neffen des Saran hatten. Achischs Pferde kannten seine Stimme, und mit jedem von ihnen sprach er auf eine andere Weise; wenn er mit der Zunge schnalzte oder pfiff, so wußte jedes Pferd, ob das Zeichen ihm galt oder nicht. Wenn der Rivale meinte, daß er im nächsten Augenblick Achisch überholen würde, sah sich Achisch nach seinem Pferd um, pfiff oder schnalzte mit der Zunge — und plötzlich verlangsamte das Pferd des Rivalen den Galopp oder blieb stehen und bäumte sich auf. Beweisen aber ließ sich nichts, und „Barbiermesser“ bekam den Preis. Ja, Achisch rasierte gut... Nur von Zeit zu Zeit wurde es Simson unerträglich. Nicht in der Seele, sondern an den Armen und Beinen und am ganzen Körper. Von Baal-Meon war er selbstverständlich ohne Fesselung gegangen: gefesselt hatte man ihn erst heute bei Tagesanbruch, hinter Jutta, jetzt aber brach bald die Abenddämmerung herein. Jeder seiner Muskeln lechzte nach Freiheit; jede Ader empörte sich gegen den gehemmten Lauf seines saftigen und reichen Blutes. Das alles war unerträglich, wenn er daran dachte. In seiner Seele aber war gar kein Schmerz: sein Denken blieb eigensinnig unbeugsam, es wandte sich trotzig von der Wahrheit ab — daß er sich in Gefangenschaft befand, und daß man ihn nach Gaza führte. Die Abteilung machte halt. Die Hauptleute gaben einander den Befehl weiter, daß man die ganze Nacht weitermarschieren würde, jetzt aber eine große Rastpause gemacht werden sollte. Die Fesseln an Simsons Füßen wurden gelöst; man zerrte ihn vom Pferd herunter, legte ihn auf die Erde und umwand ihm die Knie von neuem mit Riemen. Der Derwisch, der wieder näher herangelaufen war, kauerte jetzt am Rande der Straße, lachte, spie und stieß Schimpfworte aus; den Soldaten gefiel das, und sie stachelten ihn an, wenn der Hauptmann sich entfernte. Achisch näherte sich Simson und prüfte mit einem flüchtigen Seitenblick auf seine Beine die Fesselung. „Füttern!“ sagte er kurz im Weitergehen und deutete mit der Peitsche in die Richtung Simsons. Man setzte Simson auf, und einer der Soldaten schob ihm einen Löffel Linsenbrei zwischen die Lippen. Simson schluckte ihn herunter; als aber der Soldat ihm einen zweiten an den Mund führte, geriet der Prophet plötzlich in Raserei, rannte mit bellendem Geschrei auf ihn zu und schlug ihm den Löffel aus der Hand: „Er soll vor Hunger verrecken!“ brüllte er. „Hyäne! Hure! Vernichter des Gottesvolkes!“ Der Soldat war ein Amalekiter und wagte es offenbar nicht, den Gottesnarren zu schlagen. Ein Hauptmann trat heran, ein gebildeter Mann ohne Vorurteile. Mit einem einzigen Tritt stieß er den Propheten zu Boden und versetzte ihm, ohne sich zu beeilen, etwa zehn Schläge mit einer dicken Reitpeitsche ins Gesicht und gegen die nackten Beine. Der Prophet wand sich, winselte und weinte; als er sich aber wieder erhob, schrie er den Offizier nicht einmal an, sondern spie nur in der Richtung Simsons aus, lief wieder an den Straßenrand, kauerte sich hin und leckte sich wie ein Hund das Blut vom Arm. Die philistäischen Soldaten lachten, die fremdstämmigen dagegen waren offenkundig ungehalten. Als der Hauptmann sich entfernt hatte, füllte einer von ihnen eine Schüssel mit Brei und lockte den Propheten heran. Der begann, immer noch schluchzend, mit Gier zu essen; der Amalekiter aber sagte zu den Soldaten irgend etwas in seinem Dialekt, indem er auf den Gefangenen deutete, und sie lachten: wahrscheinlich sprach er davon, wie beliebt Simson bei dem Volke seines eigenen Landes sei. Aber Simson merkte ihr Lachen nicht. Er dachte angespannt an etwas anderes. Dieser Gottesnarr hatte, als man ihn schlug, nicht mit jener Stimme geschrien, mit der er vorher geschimpft hatte, sondern mit einer andern — einer Simson wohlbekannten. Was war das? Heulte der verrückte Vagabund vor lauter Schmerz mit einer fremden Stimme — oder, im Gegenteil, mit seiner eigenen, wirklichen? Simson hätte ihn gern sich genau angesehen; aber die Sonne war schon untergegangen, die Dämmerung verdichtete sich schnell, und durch die Wolken war es noch dunkler geworden; vor allem aber wäre es vielleicht nicht richtig gewesen, den Soldaten zu zeigen, daß der Gefangene den Deiwisch genauer in Augenschein nahm. Ein dicker Zehentmann, ein Philister, befahl Fackeln anzuzünden. Simson lag auf dem Rücken und lauschte mit angespanntem Gehör auf jedes Geräusch. In dem drückenden, windstillen Halbdunkel schwebte das ge- ■M

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