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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 36 (1928) Richter und Narr · p. Seite 146

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
36 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 146 (sequence 2)
Language
German
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146 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 36 Fünfundzwanzigstes Kapitel Die Eselskinnlade „Dieses Gepäckstück ladet auf mein zweites Roß,“ sagte verächtlich Achisch, genannt „Barbiermesser“, der Neffe des Saran von Ekron, „ein gewöhnliches Pferd wird es nicht aushalten.“ Die Soldaten hoben Simson, der so gefesselt war, daß man vor lauter Riemen fast keine Kleider sah, aufs Pferd. Es war ein prächtiges Tier; es schnaubte zuerst, wollte durchgehen, erkannte aber offenbar Simson und wurde sofort ruhig. Simson hatte es ja noch vor kurzem in Ekron geritten, und zwar nicht nur einmal... Es war das in den Bergen, nicht weit von Hebron, in der Nähe des Dörfchens Adoraim, wo die Heeresabteilung lag, die mit der Gesandtschaft ins Land Juda gekommen war. Dies war eine größere Heeresabteilung, bestehend aus einigen Hunderschaften Fußvolk, mit zwölf berittenen Hauptleuten, den Befehlshaber nicht mitgerechnet. Die judäische Wache, die Simson auf der Südstraße hergebracht hatte, war mit gesenkten Köpfen, ohne sich umzusehen, nach Hebron abgezogen. Simson war unter den Philistern allein geblieben — wie immer, aber doch anders. Er ließ die Augen im Kreise umherschweifen, strengte sich an zu verstehen, zu begreifen, daß das tatsächlich er und sie waren, und alles Wirklichkeit. Von dieser Seite kannte er die Philister noch nicht. Die Hauptleute, mit denen er noch vor kurzem gezecht und gewürfelt hatte, sahen jetzt über ihn hinweg, als wäre er für sie Luft. Achisch hatte ihn als „Gepäckstück“ bezeichnet. Dieses Wort brachte ganz genau ihr Verhalten zum Ausdruck, in dem weder Neugier noch Triumph noch Feindschaft enthalten war. Nur die einfachen Soldaten sahen ihn mit Neugier an; es befanden sich unter ihnen viele Amalekiter und andere Fremdstämmige aus der Wüste Sinai, die ihn noch nie gesehen hatten, und alle waren sie durch das lange Warten verbittert. Der Herbst ging seinem Ende entgegen, die Nächte waren kalt, die Erde hart. Wasser war nur wenig vorhanden. Es war ein Tag um den andern vergangen, der Gefangene aber war immer noch nicht da. Alle Augenblicke waren irgendwelche Abgesandte aus Hebron gekommen und hatten Achisch zugeredet, sich noch etwas zu gedulden. Zwei von ihnen — der eine dick, geschäftig und wortreich, der andere ein Greis mit schmalen Lippen in seinem Fuchsgesicht und einem zugekniffenen Auge — brachten eine ganze Nacht mit Achisch allein in seinem Zelt zu und fuhren am Morgen mit ihm irgendwohin fort. Die Soldaten indes vergingen vor Langeweile und fluchten insgeheim. Jetzt hätten sie den gefesselten Simson sicher gern verprügelt; da sie aber keinen Befehl dazu bekommen hatten, begnügten sie sich wenigstens damit, die Knoten an seinen Füßen mit Vergnügen so fest wie möglich zusammenzuziehen. Die Auslieferung Simsons hatte sich deshalb verzögert, weil die Ältesten Judas ihrer Wache befohlen hatten, ihn die einsamsten Pfade zu führen und bewohnte Gegenden, wenn sie sich nicht umgehen ließen, nachts zu passieren. Es war viel Murren im Lande unter der Jugend. Aus Baal-Meon war eine tausendköpfige Menge an die Landstraße gekommen, in der irrtümlichen Meinung, daß die Begleitmannschaft diesen Weg wählen würde; und in der Menge befanden sich, wie es hieß, viele Bewaffnete. Achisch begriff das selbst und hatte sich darum bereit erklärt, zu warten. Jetzt aber befand sich Simson in seinen Händen, philistäisches Fußvolk marschierte vorne und hinten, und es lag kein Grund vor, sich vor dem Pöbel Judas zu fürchten. Die Abteilung zog langsam die Hauptstraße entlang und kam noch vor Tagesanbruch durch Adoraim. Das ganze Dorf lief aus den Hütten, um sie zu sehen; die Frauen weinten, die Männer machten mürrische Mienen, aber niemand sagte ein Wort. Nur die Kinder rannten, nachdem sie die Vorhut vorbeigelassen hatten, hinter Simson her, und die Soldaten, die sein Pferd am Zaume führten, vertrieben sie durch Fußtritte. Etwas weiter außerhalb des Dorfes schloß sich den Kindern ein zottiger, unglaublich dreckiger Prophet an: er schleuderte einen Stein nach Simson,. drohte ihm mit den Fäusten und schrie: „Säufer! Wollüstling! Zieht ihm die Haut vom Leibe!“ Die Soldaten lachten; aber sie verjagten auch den Propheten, der, ganz außer Atem und etwas vor sich herbrummend, der Nachhut folgte. Simson konnte immer noch nicht das Gefühl loswerden, daß dies alles unwirklich sei. Seine Gedanken waren unwesentlich, leer. Warum waren soviel Wolken am Himmel? Umständlich begann er die Zeit zu berechnen und kam zu der Überzeugung, daß es noch zu früh war für den Regen; nichtsdestoweniger standen dichte Wolken am Himmel, und es sah aus, als käme ein Regenguß; wie konnte das nur sein? Und er versuchte sich zu erinnern, in welchen Jahren es frühe Regengüsse gegeben hatte: es hatte zwei solche Jahre gegeben — das eine in seiner Kindheit, das

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