Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 36 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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148 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr.; dämpfte Stimmengewirr der Soldatenmasse. Dann ertönte ein scharfes Rauschen — ein Tropfen fiel auf Simson herab, noch und noch einer, und plötzlich, ganz ohne Übergang, als wäre der ganze Himmel geborsten, strömte ein Gußregen herab. Der Zehentmann stieß einen langen Fluch aus: die Fackeln waren erloschen. Die Soldaten zogen eilig lederne Regenmäntel an. Simson wandte den Kopf zur Seite, um nicht vom Regen erstickt zu werden—wandte ihn nach jener Seite, wo er am Straßenrande, solange es nochnicht dunkel war, denPropheten hatte kauern sehen. Jetzt ließ sich jenseits der Straße bereits nichts mehr erkennen: man sah nur die schwarzen, ebenfalls kauernden Gestalten der Soldaten. Aber Simson hatte bereits das sichere Gefühl, daß noch irgend etwas kommen mußte. Durch das laute Rauschen des Gußregens hörte er — vielleicht aber war es nur Einbildung — ein kaum bemerkbares kriechendes Geräusch; aus irgendeinem Grunde erschien ihm bald der eine, bald der andere der dunklen Schatten plötzlich im Vergleich zu den übrigen verändert. Er zog die Augenlider ganz dicht zusammen, bemüht, die Sehkraft bis aufs Äußerste zu steigern, und sah jetzt bereits deutlich, daß eine der sitzenden Gestalten langsam auf ihn zurückte. Jetzt befand sie sich schon dicht neben dem Soldaten, der Simson am nächsten saß. Plötzlich benahm es Simson den Atem: dieser Soldat wandte den Kopf der Gestalt zu und sagte mit halber Stimme irgend etwas auf amalekitisch. Die Gestalt antwortete ihm in der gleichen Kehlkopfsprache und ebenfalls halblaut. Der Soldat nickte, murmelte träge und gereizt irgend etwas vor sich hin und kauerte sich wieder unter seinem Mantel zusammen. Da fiel es Simson ein, daß er einmal, vor vielen Jahren, Nechuschtan in die Wüste geschickt hatte, damit er den Dialekt der Amalekiter erlerne. Den Atem anhaltend, sah er dann, wie der schwarze Schatten langsam und träge sich erhob und, sich im Regen bückend, dicht an ihn herankam; dann beugte er sich über ihn, ganz wie ein Posten, der die Fesselung prüft, und sagte wieder, diesmal ganz laut, irgend etwas auf amalekitisch; und jetzt erkannte Simson bereits sowohl die Stimme als auch die lustigen schlauen Augen. Irgend etwas riß plötzlich leise an seinen Knöcheln — dann zwischen den Ellenbogen — dann im Nacken, und etwas Kaltes und Scharfes kratzte ihm dabei über den Hals... In dem gleichen Augenblick hörte der Regen ganz unvermittelt auf, ebenso plötzlich wie er begonnen hatte; ein Wind blies durch die Schlucht und schie die Dunkelheit halb zu lichten. Der Solda der Simson am nächsten saß, stieß einen ei freuten Fluch aus, warf den Mantel ab - und rief plötzlich auf kanaanitisch aus vollei Halse: „Ja, was ist denn das?“ Mit einei Satz sprang er auf Nechuschtan zu. Simso machte mit Aufbietung aller Kraft eine heftig Bewegung mit Schultern, Armen, Beinen, m dem ganzen Körper. Aber er war noch m vielen Riemen gefesselt, Nechuschtan hat! erst drei Knoten durchschneiden können. Ni Simsons Füße waren vom Knie abwärts fre 1 unter rasender Anspannung sprengte er di \ Fesseln über den Knien, sprang auf und zei - trat, als wäre es nur ein Käfer, den Schädt: des Soldaten, der am Boden liegend mit Ne chustan rang. Mit dem gleichen Fuß empfin i er den Zehentmann, der mit dem Schwert aij ihn zustürzte: der wohlbeleibte Mann klappt in der Mitte zusammen, machte nur noc einen Schlucker und fiel hin; und einen drit ten durchstach Nechuschtan mit dem DolcI Aber es war schon zu spät. Man hatte si umringt; von hinten ertönte ein Kommand — zehn oder zwanzig Speere richteten sic von allen Seiten gegen Brust und Schulter: Simsons und Nechuschtans. Fast auf eine: Schlag loderten ringsum Fackeln auf. Simso: sah Nechuschtan an. Es war auch jetzt noc. schwer, ihn unter der Maske von Schmutz zi erkennen, nur die grauen Augen waren di' gleichen, sie hatten noch denselben geradei und treuen Blick — auch das Lächeln wa das gleiche. „Schade“, sagte Nechuschtan schwer at mend, aber ganz ruhig. Längs der ganzen Straße hörte man Rufe Kommandoworte und Waffengeklirr. Die Sol datenmenge hinter dem Ring, der Simson um gab, trat auseinander; Achisch erschien; ohm Ringpanzer und Helm, noch an irgendeinen Bissen kauend. Der bleiche Hauptmann be gann aufgeregt eine Meldung von Regen unc Dunkelheit ... „Mit dir werden wir uns ir Gaza auseinandersetzen“, unterbrach ihn seir Vorgesetzter. Dann schluckte er den Bisser herunter, wischte sich die Lippen mit dem Handrücken, warf einen Blick auf Nechusch tan und erteilte den Befehl: „Niederstechen!“ Gleichzeitig, als wären sie nur ein Mann, beugten fünf Soldaten die Schultern und machten einen Schritt vorwärts; und mit dem lauten Tritt ihrer schweren Stiefel gegen den steinigen Boden Judäas mischte sich das Krachen der brechenden Rippen und der heisere Schrei Nechuschtans: „Er wird Rache nehmen!“ (Fortsetzung folgt) £