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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 35 (1928) Richter und Narr · p. Seite 143

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
35 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 143 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 143 Komanbeilage des „Jüdischen Echos“ mich auch die Leute vom heutigen Tage an nennen.“ „Geh zu deiner Mutter“, wiederholte Machbonai, ohne seine Worte zu beachten. „Warum?“ „Sie liegt im Fieber und greift suchend um sich. Geh hin und laß sie deine Hand erfassen.“ „Warum?“ „Dann wird sie sterben können“, sagte der Levit. Simson wandte sich schweigend ab, um das Gespräch abzubrechen, aber Machbonai ging nicht fort. „Tu, was ich dir sage“, fuhr er noch beharrlicher fort. „Sie kann nicht sterben. Sie wiederholt immer ein und dasselbe. Die Frage, die du ja kennst: Manoa, ist es wirklich wahr?“ „Sie selbst muß es besser wissen“, erwiderte Simson barsch. „Nein“, antwortete mit Überzeugung der Levit. „Sie hat ihr ganzes Leben wie in einem Fieber verbracht. Auch in jener Nacht am Brunnen war sie im Fieber. Sie weiß es nicht; Manoa hat es vielleicht gewußt. Er hat vieles gewußt, über sie, über dich und über alles; er wußte vielleicht auch das.“ Simson schwieg. „Geh zu ihr und nimm sie bei der Hand“, wiederholte der Levit, und seine Stimme klang bereits nicht mehr süßlich und sanft. „Nimm sie bei der Hand, dann wird sie verstehen, daß jenes eine Lüge war, und du wirst ihr die die Augen zudrücken.“ Simson wandte schroff den Kopf nach ihm um. „Eine Lüge? Woher soll ich denn wissen, daß es nicht Wahrheit ist?“ Der Levit kam ganz langsam auf ihn zu, bis er dicht vor ihm stand. Und da war es Simson plötzlich, als hätte er diesen Menschen noch nie richtig gesehen, als sei er nicht ben- Schuni, der feiste Kostgänger seiner Mutter, sondern ein anderer — ein gewichtiger, stattlicher, in seiner Art starker Mann. Simson erhob sich unwillkürlich; er war zwar viel größer als Machbonai, aber man empfand das nicht so — es war, als hätten sich zwei gleich große Männer ins Gesicht gesehen. „Wahrheit“, sagte Machbonai ben-Schuni, „Wahrheit ist nicht das, was in einer von vielen Nächten geschehen ist. Wahrheit ist, was für immer im Gedächtnis der Menschen bleiben wird, und es weiß um sie nur Einer: ich.“ „Weißt du es von ihm?“ fragte Simson leise, auf Manoa deutend. Der Levit schüttelte den Kopf: „Er hat davon nicht gesprochen, und ich habe ihn auch nicht gefragt,“ sagte er streng, „denn man erfährt nicht durch Ausfragen die wirkliche Wahrheit. Forsche auch du mich nicht aus. Geh in jenes Zimmer, nimm ihre Hand, und das wird die Wahrheit sein. Dann wird sie sterben. Einmal wirst auch du sterben. Sterben werden auch alle Menschen, die heute auf dem Versammlungsplatz waren, sogar die kleinen Kinder. Und mit ihnen zusammen werden alle ihre Gedanken sterben, ihre Worte und ihr Gerede. Nur eines wird für alle Ewigkeit bestehen bleiben: das, was ich, der Levit Machbonai, als Wahrheit bezeichnen werde.“ Simson sah ihn unverwandt an, indem er wie immer, wenn er etwas Schwieriges zu verstehen suchte, den Kopf leicht hin und her wandte. „Du verachtest mich und meine Tätigkeit, Richter, und meine ganze Sippe,“ sprach der Levit, „denn deine Weisheit ist zwar groß, aber sie reicht nicht weit. Du bist ein mächtiger Mann, aber das Maß deiner Kraft ist nur der heutige Tag. Es wird Abend, es wird Morgen, und neue Menschen werden geboren, die Simson nicht kennen. Ich aber und mein Stamm — wir sind, an deinem Maß gemessen, nur Gewürm; wir ziehen von Land zu Land, wir murmeln Beschwörungen, schreiben Zeichen auf Ziegenhaut. Weiterleben jedoch wird nur das, was ich in Gebeten festgelegt und auf einem Stückchen Haut niedergeschrieben habe, und das werden die Menschen Wahrheit nennen, alles übrige ist nur Rauch.“ Er ging an die Tür und öffnete sie ein wenig. „Geh zu deiner Mutter, Simson. Vor vielen Jahren hat sie zu mir gesagt: Nimm das Fell eines Böckchens und mache darauf über das Leben meines Sohnes Aufzeichnungen, von seiner wunderbaren Geburt an und bis zum Ende. Das habe ich getan. Und was ich aufgezeichnet habe, wird als Wahrheit bestehen bleiben von Geschlecht zu Geschlecht. Ich, Machbonai aus Hebron, der einmal aus Unwissenheit sagte: Sohn Hazlelponis — bin ein Wurm und werde sterben, das aber, was ich niedergeschrieben habe, wird nie sterben — und dort steht geschrieben: Sohn des Manoa. Folge mir, Richter, deine Mutter fürchtet sich, ohne meine Wahrheit zu sterben.“ ❖ * ❖ Vor Sonnenaufgang, als Hazlelponi zu röcheln aufgehört hatte, kamen zu Simson noch zwei Männer: Joram, der Held aus Thekoa, und Zidkia ben-Perachia, der Wucherer aus Hebron, die Gesandten Judas. Ben-Perachia setzte sich auf eine Bank, kniff die Augen zu und begann mit den Lippen zu käuen. Joram

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