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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 35 (1928) Richter und Narr · p. Seite 144

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
35 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 144 (sequence 4)
Language
German
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144 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ neigte . stehend den Kopf vor dem Nasiräer und sagte leise und sicher: „Wir wären nicht in der ersten Nacht deiner Trauer zu dir gekommen; doch es wäre noch schlimmer, wenn zwei Stämme des Gottesvolkes ihre Kleider vor Leid zerrissen. Du hast das Wort, Richter: ein furchtbares Wort, ein schweres Wort, aussprechen aber kannst nur du es.“ Simson schwieg. „Die Leute von Zora,“ fuhr der Gesandte fort, „haben diese Nacht nicht geschlafen. Die Kameraden deiner Jugend, welche dir einstmals folgten, haben ihre Häuser verlassen und sammeln jetzt Kämpfer. Hunderte schon scharten sich um sie, aber es werden noch Tausende Zusammenkommen. Du hast nicht umsonst gelebt, Simson: Dan kennt weder Feigheit noch Verrat — Dan wird dich nicht im Stiche lassen.“ Simson schwieg, seine Augen blickten ins Dunkle. „Das, was sie heute zu hören bekamen,“ fuhr ben-Kaleb fort, „und was sie glaubten — obwohl ich es nicht glaube — wird sie nicht in ihrer Entschlossenheit beirren. Es wird sie vielleicht sogar darin bestärken. Ich bin alt und kenne unser ganzes Volk gut. Tiefer, doppelt so tief wird es sich vor einem Führer neigen, über den sich der Schleier des Geheimnisvollen gelegt hat; seine Macht wird um so größer sein, wenn er ein ,Fremdling4 ist. Hierin gleichen einander alle Stämme, wahrscheinlich auch alle Völker. Dan wird dich nicht verraten.“ Zidkia ben-Perachia öffnete für einen Augenblick die Augen, brummte irgend etwas und nickte zustimmend. Joram fuhr in seiner Rede fort: „Juda aber hätte, wenn du Richter in Hebron wärest und die Dinge so lägen wie jetzt, Asche auf sein Haupt geschüttet — und dich den Philistern ausgeliefert. Ich werde dir das sagen, was heute weder du noch sonst jemand glauben wird; aber es ist wahr. Juda ist kein Feigling, aber Juda will leben, denn es trägt in seiner Seele ein geheimes Vermächtnis. Worin dieses besteht, das weiß ich nicht. Es ist dem Menschen nicht gegeben, seine Träume selbst auszulegen, und er erinnert sich am Morgen nicht immer, was ihm in der Nacht geträumt hat. Aber ein Gebot ist es, wie es die anderen Stämme nicht in sich tragen. Jakob, unser Urvater, hat seine Seele zwischen den Söhnen und Enkeln geteilt: seinen einschmeichlerischen Reiz schenkte er Ephraim; die Leidenschaft des Liebhabers, welche die Frauen betört — Benjamin; die Sehnsucht des Wanderns dem städtebauenden Dan; die] Gabe des Traumsehers aber, seine Hartnäkkigkeit im Jagen nach unfaßbaren Träumen vermachte er Juda. Und wie er wird auch Juda um seines unfaßbaren Vermächtnisses willen Streit beginnen mit Vater und Bruder und Gott; List und Lüge wird es verüben — und Verrat, Simson — verraten wird es, den Besten und Nächsten, um jener Absicht willen, zu unerhörten Qualen verraten.“ Zidkia ben-Perachia prustete mit offenkundiger Verachtung und bemerkte spöttisch: „Qualen? Ha!“ und indem er jetzt nur ein Auge zukniff, schien er damit Simson aus unverständlichem Grunde zuzuzwinkern. „Sogar zu Qualen“, wiederholte Joram streng. „Juda muß leben, Simson, leben — um jeden Preis.“ I Simson schwieg. „Also Krieg“, sprach Joram aus Thekoa. „Den Tribut, welchen die Sarane für deinen Scherz fordern, wird Juda zahlen. Kann es i nicht deinen Kopf allein ausliefern, wird es dafür tausend Danitenköpfe geben müssen, und verbrannte Weinberge, und zerstörte ■ Städte von Gimso bis Ajalon. Sei meines Wortes eingedenk, Simson: von Gimso bis 1 nach Ajalon wird dann keines der Waisenkinder Dans daran zurückdenken, daß du,! Simson, heute am Tor kein einziges Wort gesprochen hast, und daß ihre Väter in der Nacht selbst zu dir kamen und sagten: Wir sind mit dir, Richter! — das werden sie vergessen. Doch werden sie sagen: Er hat uns angespornt, hat die Kämpfer Dans angefleht: Rettet mich! Hat nur um seiner selbst willen unseren Stamm ins Verderben gestürzt. Und I dann wird der Name Simsons, der Timnata niederbrannte, für alle Ewigkeit verwischt werden: als Brandstifter Zoras wirst du den Menschen in Erinnerung bleiben. Nimm das _ Opfer nicht an, Simson. Ich bin ein alter Mann, | ich kenne die Natur des Menschen: er ist ein ~ Wucherer in seinem Grundwesen, sein Opfer; ist ein Darlehen; wehe dem Schuldner, wenn - er den hundertfältigen Zins nicht zahlt.“ f, Als Zidkia ben-Perachia das Wort „Wuj, cherer“ vernahm, drückte er wieder das eine ■' Auge zu — und nickte, damit die Richtigkeit des Gedankens bestätigend. Danach schwiegen sie lange. Joram setzte sich schwer auf die Bank nieder, er war , müde. Seiner Stimme hatte man es beim Rej' den nicht angemerkt, aber in seinem Inneren;j war alles verheert und ausgebrannt wie jenes Land, das er soeben beschrieben, nach dem Einfall der Feinde aussehen würde. j| (Fortsetzung folgt) 1

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