Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 34 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 138 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158528--12892-9081892- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
138 Romanbeilage des „Jüdischen Echos" Nr. J4 Ein grausamer und unersättlicher Mensch ... „Das ,Barbiermesser4 kenne ich,“ unterbrach ihn Simson, „bleib bei der Sache.“ Mit diesem Achisch hatte er oft Würfel gespielt; wenn er eine Handvoll Silber gewann, pflegte er begeistert zu schreien: „Abrasiert!“ und dann zitterten seine Hände vor Gier, verspielte er aber, so wurde sein Gesicht finster vor geizigem Ärger. Dafür war er der beste Reiter an der ganzen Küste, und seine Pferde waren sogar in Ägypten berühmt. Ben-Kaleb fuhr in seiner Rede fort. Die Dinge verhielten sich genau so, wie Nechuschtan berichtet hatte: entweder liefert Juda Simson aus — oder das philistäische Heer ergießt sich als Sintflut über ganz Judäa von Bethlehem bis En-Gedi. Man würde keinerlei Ausreden gelten lassen. Der Gesandte hielt in seiner Rede inne und wartete ab, was Simson sagen würde. Simson schwieg und sah ihn an, als fragte er ihn mit den Augen: Nun, und weiter? Joram seufzte schwer und fuhr in seiner Rede fort. Sie, die Ältesten Judas, hätten eine nächtliche Beratung gehabt. Es sei lange und allerhand gesprochenworden, doch wichtig sei die Schlußfolgerung: daß Juda nicht mit Philistäa Krieg führen könne. Selbst ohne die Streitwagen, die in den Bergen unverwendbar sind, habe der Feind Pferde, viel Eisen und ausgebildete Soldaten. Juda könne eines tun: seine Städte der Plünderung preisgeben, Quellen und Brunnen zuschütten und in die Schluchten fliehen — von nun an so leben, wie die Jebussiter. Aber das wolle Juda nicht tun. Und so sei Juda zu Dan gekommen, um sich Rat zu holen, was es tun solle. Er setzte sich. Die Versammlung richtete ihre Augen auf Simson, der aber schwieg; er hatte die Brauen stark zusammengezogen, und seine Augen waren nicht zu sehen. Allmählich erhob sich ringsum ein unterdrücktes Flüstern. Dann trat aus dem Kreise zögerndes Schrittes ein gewisser Hermesch vor, ein Zorite, ein junger Mann noch — er hatte einmal zu Simsons Schakalen gehört. „Ich verstehe trotzdem nicht. Warum drohen sie Juda und nicht Dan?“ fragte er. Ben-Kaleb machte eine ratlose Handbewegung und antwortete nichts. Aber der alte Schelach aus Saalbim murmelte seinem Sohne, der rechts neben ihm stand irgend etwas ins Ohr, worauf jener sprach: „Mein Vater sagt: die Philister haben sich das gut überlegt. Wozu sollen sie selbst gegen Dan in den Krieg ziehen? Möge lieber Bruder Juda mit Dan Krieg führen.“ Durch die Menge ging zuerst ein Gelächter, dann ein aufgeregtes Murren, dann ein Murren des Zornes. Die drei Gesandten schwiegen mit gesenkten Augen und undurchdringlichen Gesichtern. Hermesch trat näher zu ihnen hin und warf ihnen die Frage ins Gesicht: „Sprecht gerade heraus: wenn wir den Richter nicht ausliefern — werdet ihr uns dann mit Krieg überziehen?“ Es wurde sehr still. Plötzlich erhob Dischon ben-Achizur, der Gesandte Bethlehems, den Kopf, hielt das Gesicht dicht vor jenes des Hermesch und schrie, ihn mit Speichel besprühend: „Dummkopf! Wenn wir schon durch euer Verschulden Krieg führen sollen, so doch selbstverständlich nicht gegen die Fünf Städte!“ Die andern zwei schwiegen. Zidkia ben- Perachia, der Gesandte aus Hebron, drückte die Augen zu und käute mit den schmalen Lippen seines Fuchsgesichtes. Joram aus Thekoa biß die Zähne aufeinander und wurde rot vor Scham — aber er schwieg. Die Versammlung begann zu lärmen. Von allen Seiten her ertönten Schimpfworte — der Kreis, in dessen Mitte die Gesandten Judas saßen, begann sich plötzlich zu verengen, das judäische Gefolge wurde unruhig — aber Simson machte dem allen ein Ende durch den schrillen Schrei: „Hingesetzt!“ Nur Hermesch blieb vor den Gesandten stehen, und jetzt konnte man verstehen, was er ihnen zuschrie: „Wenn ihr keine Hunde wäret“, schrie er faustschüttelnd, „so würdet ihr zu uns sagen: bewaffnet euch, wir wollen zusammen in den Krieg ziehen, die andern Stämme zu Hilfe rufen ...“ „Die Stämme werden nicht mittun,“ antwortete ben-Kaleb, „und am allerbesten weiß das der Richter selbst. Und eure Hilfe wäre für uns keine Hilfe. Es ist einerlei, ob ein Kind oder zwei auf einen Bären losgehen.“ „Oder anderthalb“, murmelte Dischon, und alle hörten ihn. Noch ehe aber sich ein neuer Zornesausbruch wegen dieser Beleidigung entladen konnte, sprang er auf und schrie Simson an: „He, Herr Richter, was stehst du da wie ein Haufen Mist auf dem Felde und sagst nichts? Von dir ist die Rede, nicht von diesen Holzhackern und Wasserträgern — nur von dir.“ „Du kennst mich gut, ben-Achizur,“ sagte Simson finster lächelnd, „einem Gesandten werde ich nichts tun: schimpfe nur.“ In diesem Augenblick hielt Machbonai es für notwendig, sich einzumischen. Er begann mit nicht sehr lauter Stimme, aber sofort ver-