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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 32 (1928) Richter und Narr · p. Seite 131

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
32 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 131 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 131 dein Bett zwingen: er ist nicht wie wir, die ein ganzes Heer nicht zurückhalten könnte, wenn du winkst. Wir befürchteten, er könnte dich getötet haben, um sich zu verstecken.“ „Wie ihr seht, bin ich noch am Leben,“ sagte sie, den schlanken Leib im Lichte der Fackeln keck wiegend. „Das sehen wir!“ antwortete ein vergnügter Chor. „Geht nur weiter, ich brauche euch nicht.“ Bei diesen Worten wandte sie den Kopf nach dem Bett um, als hätte jemand sie gerufen, und sagte: „Ich komme, Geliebter.“ Auf der Straße wurde es schnell wieder still; ihre Arme aber schlangen sich um Simsons Hals, und er wollte sie nicht lösen. Ebenso wie in jenen sieben Nächten in der Vorstadtvilla Bergams schimmerte das Haar, das seine Lippen umkoste, ebenso grünlich funkelten die Augen; es war der gleiche Wohlgeruch und die gleiche seidige Berührung. „Warum hast du mich gerettet?“ flüsterte er. „Aus Laune. Du gefällst mir, Simson“, antworteten ihre Lippen in die seinen. „Jedermann nennt mich Tajisch.“ „Das ist jedermann, ich aber bin ich.“ „Woher kennst du meinen Namen?“ „Jedermann kennt ihn. Und ich weiß alles. *Alles über dich. Daß du ein Räuber bist und ein Trunkenbold und ein Narr bei den Philistern, bei deinem Volk aber ein Richter, dessen Lächeln jioch niemand gesehen hat. Und auch ...“ „Was denn?“ „Daß du einmal ein Philisterweib zur Frau nahmst und sie dich betrog, und daß dir seitdem unsere Frauen zuwider sind.“ Er schwieg. Er hätte sagen wollen: du erinnerst mich an sie, doch fiel ihm ein, daß die Frauen dergleichen übelzunehmen pflegen; auch hatte er überhaupt keine Lust, von Semadar zu sprechen. „Bin auch ich dir zuwider?“ fragte sie. Sie schmiegte sich fest an ihn; wie versengende Glut rann es ihm über den Rücken. Er wußte bereits nicht mehr, was er sprach, als er aufs Geratewohl antwortete: „Ich kenne dich nicht.“ Sie umschlang ihn noch fester und flüsterte ihm ein Wort ins Ohr, es war ein Wortspiel, das hier besser uniibersetzt bleibt: „Daeni.“ Vor Sonnenaufgang, in der Dunkelheit noch, ging er fort. Die Straßen waren leer, aber auf der Stadtmauer hoben sich die dunklen Umrisse bogenbewaffneter Wachtposten ab. Er schlich weiter, lugte um eine Ecke und erblickte das Stadttor. Dort brannten Fackeln: am Tor stand die gewohnte Wache, mit Schwertern und Speeren, nicht einmal verstärkt. Gaza vertraute auf sein Tor, das berühmt war im ganzen Lande. Die Torflügel bestanden aus dickem Eisen und waren oben durch ein spitz gezähntes Gitter verziert. Da kam Simson ein guter Gedanke: der glücklichste Gedanke aller seiner Heldenjahre. Seine Ausführung begann er mit einem gewohnten Trick: aus der Nachbargasse ertönte das Geschrei von Männern, Weibern und Kindern: „Halt ihn fest! Zu Hilfe! Wache!“ Der Führer der Torwache stürzte mit allen Soldaten auf den Lärm hin fort und ließ nur einen Wachtposten zurück. Immer weiter entfernt klang das Geschrei, die Verfolger rannten ihm nach. Als Simson meinte, sie weit genug vom Tor fortgelockt zu haben, hörte er auf zu schreien und kehrte auf anderem Wege schnell wieder zum Tor zurück. Dort stand, im Scheine der Fackeln, lauschend der Posten. Simson scharrte in seinem Beutel, holte einen flachen Stein daraus hervor, bückte sich und schleuderte ihn. Ohne auch nur zu stöhnen, brach der Posten zusammen. Eine Minute darauf vernahm der Führer der Wache, der mit seinen Soldaten irgendwo an einer Ecke stand inmitten unbekleideter, verschlafener Städter, die er ausfragte, was geschehen sei und sie wiederum ihn — plötzlich einen dröhnenden Schlag und ein Krachen aus der Richtung des Eisernen Tores. Sie stürzten zurück. Als sie laufend am Tor anlangten, klaffte zwischen den riesigen Pfeilern nur noch ein schwarzes Loch: das Tor war aus den Angeln gehoben und verschwunden, der Posten lag mit zerschmettertem Schädel auf der Erde. Der Wachthabende verlor nicht den Kopf — das heißt, er zog aus der Lage sofort den für ihn persönlich einzig richtigen Schluß: er zückte sein Schwert, stützte den Griff auf einen Stein und stemmte sich mit der Brust gegen die Spitze. Eigentlich hätte er seiner Dienstpflicht gemäß erst Alarm schlagen müssen; aber er mußte sich beeilen, denn er hatte keine Lust unter Stockhieben zu sterben. Wieviel Zeit verging, bis die Hornisten zu blasen anfingen, bis andere Hauptleute angerannt kamen und die Pferde aus den Ställen herausgeführt wurden — das hat niemand nachgerechnet. Unterdessen begann es hell zu werden. Die Straße, die vom Tor zu den Höhen führte, war gepflastert, es konnten da keine Spuren vorhanden sein; eines aber war klar — daß nämlich selbst Simson mit einer so schweren Bürde nicht weit kommen konnte.

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