Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 32 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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132 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 32 Ihn selbst würde man nicht fangen können; das Tor aber mußte zurückgebracht werden. Berittene Abteilungen sprengten nach allen Seiten. Gegen Mittag kehrten sie zurück: sie hatten weder das Tor noch Tajisch noch auch eine Spur seiner Füße im Sand gefunden. Der Saran berief einen Rat ein. „Die Höfe der Eingeborenen müssen durchsucht werden4*, schlug einer der Räte vor. „Warum?“ fragte der Saran. „Vielleicht ist in einem von ihnen unter einem Heuschober unser Tor versteckt...“ „Unmöglich“, antwortete der oberste Heeresführer. „An der Straße liegen keine Ortschaften, rechts und links befinden sich Felder; sogar die Hänge sind überall gepflügt. Wenn Tajisch mit einer so schweren Last von der gepflasterten Straße zu einem Hof eingebogen wäre, so hätte er eine tiefe Spur hinterlassen. Spuren aber sind nicht vorhanden. Derjenige, der das Tor forttrug, hat es auf der gepflasterten Straße fortgetragen, ohne irgendwohin abzubiegen.“ „Wie denn“, sagte der erzürnte Saran, „sollte ein Mensch diese schwere Last, die vier Ochsen mit Mühe hierher schleppten, sich auf den Rücken geladen und mit ihr so schnell davongerannt sein, daß unsere Reiter ihn nicht einholen konnten?4' Alles schwieg, nur der Heeresführer erklärte achselzuckend: „Dafür ist er eben Tajisch.“ Ganz Gaza war in Aufregung; von allen Enden der. Tyrannie strömte das Volk zusammen, um sich das Loch in der Stadtmauer anzusehen. Die einen schimpften, die andern lachten in ihrem Philisterleichtsinn über sich selbst. Nur die Eingeborenen kamen nicht, das ehemalige Tor anzusehen, um sich nicht in Erinnerung zu bringen. Schon seit dem vorhergehenden Abend erwarteten sie Unheil, weil Simson die Gekreuzigten abgenommen und die Wachleute statt ihrer aufgehängt hatte. Jetzt hatte man sie vergessen, und sie waren bemüht, sich fern zu halten. Einer nach dem andern führten sie ihre Ochsen oder Esel an die Wassertränke; diese befand sich an einem kleinen Teich an der Straße, fünfhundert Schritte etwa vom Tor entfernt, auf halbem Wege zu den Höhen, die vor Gaza liegen; näher an die Stadt heran gingen sie nicht. Man sah ihnen an, daß sie beunruhigt waren; sie schlugen ihre Tiere und trieben sie an, jene aber traten ins Wasser und trübten es derartig, daß es fast gelb erschien. Dank diesem Umstande bemerkte niemand, was die Eingeborenen wußten: daß nämlich auf dem Grunde des Teiches, drei Ellenbogenlängen nur unter dem Wasserspiegel, das eiserne Tor lag. L In der Nacht trat Simson aus dem Bauern- “ j hof, wo ihn die Brüder eines der Eingeborej nen versteckt gehalten, die er vom Kreuz heruntergenommen hatte. Geräuschlos zog er l i das Tor aus dem Teich heraus, hob es auf die j Schultern und trug es, ohne sich zu beeilen _ j und von Zeit zu Zeit rastend, davon; zuerst auf der gepflasterten Straße, dann über Hügel und Felder. Gegen Morgen befand er sich be- _ reits in den Bergen Judas, in der Nähe der " Straße von Hebron. Dort versteckte er seine B . Beute in einer Höhle, ging nach Flebron und; erzählte es den Leviten; und danach schmiei deten einen ganzen Monat lang Nechuschtan - ■ und dessen Lehrlinge Klingen aus dem Tor r j des philistäischen Gaza. | Einundzwanzigstes Kapitel j Die dritte Woche ] Sogar im Lande Dan ahnte man, daß Philistäa diesmal nicht verzeihen würde. An jene sonderbare Verbindung von Feindschaft und Duldsamkeit, die sich schon seit langem zwischen den Philistern und Simson eingestellt, hatten sich die Daniten gewöhnt: über jeden seiner Streiche sprachen die einen von ihnen mit Begeisterung, die andern mit Tadel, alle jedoch ohne sich aufzuregen. Diesmal war es anders. Alles schien bedrückt zu schweigen und einen Sturm zu erwarten. Im Hause von Simsons Vater machte sich ebenfalls diese Niedergedrücktheit bemerk- ■ bar. Manoa, schon stark gealtert, war schweigsamer als sonst; Hazlelponi besuchte häufiger als früher ihr Götzentempelchen und murmelte sogar bei Tisch irgendwelche Beschwörungsformeln. — Übrigens hielt man sie in Zora schon lange für geistesgestört und achtete sie deswegen doppelt. Selbst Machbonai * wußte häufig nicht, wovon er reden sollte,! wenn die Familie versammelt war, obwohl er | jetzt nicht weniger redselig war als früher.! Er war noch immer Hausverwalter, zugleich | j | aber zählte er bereits zu den angesehensten ’1! Stadtbürgern, und seine Stimme hatte einen } gewichtigen, wohlwollenden Befehlston. Durch ihn — der es von einigen im Süden | hausierenden Leviten erfahren hatte—wußte j Simson, daß im Lande Juda die Aufregung noch größer war. Man hatte seine Spur doch gefunden: irgend jemand hatte bei Tagesanbruch den Riesen mit der ungeheuren Last ■ j auf der nach Hebron führenden Straße ge-? j sehen. (Fortsetzung folgt) . j