Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 30 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Er war noch sehr jung, träumte von Auszeichnung und hatte bis zu lener Zeit nur in den Dorfbezirken gedient und darüber gewacht, daß die Eingeborenen arbeiteten und nicht rebellierten. Er verhielt sich gewissenhaft zu seinem neuen Amt. Die Stadt war voll von Spelunken, in denen die Seeleute Nacht für Nacht betrunken gemacht und beraubt wurden, was stets mit Stechereien endete. Der junge Offizier machte mit seiner Abteilung an den Abenden persönlich einen Rundgang durch die Schenken. In der dritten Nacht blieb er am Zaun einer der größten Herbergen stehen: schon aus der Ferne hatte ihn der Lärm überrascht, der aus jener Richtung kam. Dort zechte eine große Gesellschaft unter offenem Himmel. Er sah zwar keine Gesichter, erkannte aber an der Aussprache, daß es kein Gesindel war, sondern Jugend aus reichen Kreisen. Einer von ihnen stellte in verteilten Rollen die Gottesdienstgebräuche des Tempels in Gaza dar. Der lauschende Hauptmann mußte selbst lachen: gab doch der Erzählende mit erstaunlicher Ähnlichkeit das näselnde Gebet des ältesten Priesters in der alten Sprache Caphtors wieder; er selbst, wie auch alle Zuhörer, kannten diese Sprache selbstverständlich nicht, doch hatte er ihre pfeifenden und zischenden Laute in sehr komischer Weise erfaßt. Es wirkte besonders lächerlich, wie in das Gebet von Zeit zu Zeit das wehmütige Blöcken des Opferhammels hereinbrach, und zuweilen schien es, als wäre es eigentlich dieser Hammel, der betete, indes der Priester nur den Chorknaben machte. Die Gesellschaft kam fast um vor Lachen, wobei einige der Gäste jenen gewichtigen Baß ertönen ließen, der nur Personen hohen Ranges gegeben zu sein pflegt. — Der Offizier wollte weitergehen, als plötzlich ein bekannter Name ihn zum Stehenbleiben veranlaßte. Irgend jemand von der vergnügten Bande hatte laut gerufen: „Tajisch! Wann wirst du dein Versprechen einhalten — je eine Mütze auf jeden Zopf? Der Hauptmann zog die Brauen zusammen, betrat lautlos den Hof und erblickte Simson. Dieser saß am oberen Ende des Tisches, an dessen dem Gatter nächstgelegenen, sich die Seiten haltend, der Oberrichter von Asod lagerte. Der junge Heeresführer wußte nicht, was er anfangen sollte. Endlich, unter ungeheuren Vorsichtsmaßnahmen, gelang es ihm, den Würdenträger von der Tafel in eine dunkle Ecke holen zu lassen, und dort erklärte er in strammer Haltung mit höflichem, jedoch sicherem Ton: „Richter, ich habe den strengen Befehl, diesen Räuber tot oder lebendig festzunehmen.“ „Du bist erst kurze Zeit in Asdod“, sagte der Richter, ihn auf die Schulter klopfend. Und indem er den jungen Mann unter den Arm nahm, ließ er ihn neben sich Platz nehmen und befahl, noch mehr Wein zu bringen. So blieb der Hauptmann weit über Miternacht dort sitzen und lachte bis zu Tränen über Simsons Witze, Simson hielt in der Tat das Versprechen, an das ihn einer der Zechenden erinnert hatte, und besiegte sieben Mann zugleich — was sie unter sich mit der Redensart bezeichneten: je eine Philistermütze auf jeden seiner Zöpfe. Am Schluß des Gelages aber klopfte der Richter von neuem den Hauptmann auf die Schulter und sagte ihm ziemlich deutlich: „Daß du den Befehl kennst, ist gut; doch muß man auch die Ortssitten kennen.“ So entstand schließlich ein ungeschriebenes Gesetz, das beiderseits streng eingehalten wurde. Wenn Simson zu den Eingeborenen kam, so bedeutete das Unheil: gebt acht auf eure Häuser, Karawanen und Grenzen; Verdoppelung der Wachen, Durchsuchungen, Streifenposten — wenn man ihn da gefunden und bewältigt hätte, so wäre es mit ihm aus gewesen; aber es war selbstverständlich eine schwierige Aufgabe, einen Menschen inmitten Tausender von Eingeborenenhöfen zu finden, wo jeder Tagelöhner lieber gestorben wäre, als ihn zu verraten. Kam er aber ganz offen zu den Philistern, so war er ihr Gast, und zwar ein gern gesehener. Dann zechten mit ihm die Besten des Landes: Richter, Heeresführer, Hofleute der Sarane; auch die Sarane selbst hätten mit ihm gezecht, wenn die Sitte es ihnen nicht verboten hätte, Schenken zu besuchen. Aber auch die Häuser der Reichsten standen Simson offen, doch mied er sie: denn dort waren Frauen. Auch Simson liebte Philistäa. Er kannte jetzt das Land kreuz und quer und urteilte nüchtern darüber. Es war ein Staat schöner Blutegel. Arbeit galt unter ihnen nicht einmal als Schande: sie lag einfach außerhalb ihres Gesichtskreises. Es gab viele Arme, insbesondere ruinierte sie das Spiel: die Verarmten lebten von den Almosen der Edeln oder wiederum vom Würfelspiel, oder sie