Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 30 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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122 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 30 r „Es ist ehrlich gehandelt“, antwortete Simson. „Gute Menschen sind zu wählerisch. Ein neues Land ist wie Sandboden: Weizen kann man darauf nicht sähen, wohl aber Disteln.“ An ehrlichem Volk ließ er gern sowohl Ledige als auch schon lange Verheiratete ziehen, Jungverheirateten aber verbot er, die Heimat zu verlassen. „Erlaube uns fortzuziehen, Richter“, bat einer von ihnen und wies dabei mit dem Finger auf sein Weib, das herausfordernd grinste. „Sieh, was sie für Brüste und Hüften hat — sie kann viel vertragen. Du hast schon alte, dürre Weiber fortziehen lassen und willst es ihr nicht erlauben?“ „Ich lasse sie nicht fort“, sagte Simson. „Sie wird dich fressen. Ein Land, in das keine Tandhändler kommen, ist nicht der richtige Aufenthaltsort für den Mann einer jungen Frau. Nur einem Zoriten mit einem jungen Weib gestattete Simson nach Norden zu ziehen; das Weib hieß Kami. Das Leben an der Grenze des Landes Benjamin wurde leichter. In Heresch, dem Hauptnest der Schafsdiebe, ließ Simson überhaupt weder einen Dieb noch einen Ehrlichen am Leben. Die reichen jungen Leute aus Beth- Horon aber, die sich auf festlich geschmückten Eseln nach Saalbim wagten, kehrten eines Tages vollständig nackt zu Fuß zurück; Simson hatte ihnen allen bis auf den Letzten die Bärte abgeschoren, das aber galt als die größte Schmach, die einem Manne zustoßen konnte. Auch die Jebussiter brachte Simson ein für allemal davon ab, Ajalon ungebeten zu besuchen. Er wollte sie nicht schlagen: liebten sie ihn doch und spürten für ihn stets Panther und Bären auf; sie hielten ihn offenbar für einen Gott. Er dachte sich für sie ein noch nie dagewesenes Abschreckmittel aus. Eines Tages kamen sie in großer Menge vor das Tor Aja- Ions und schlugen ein Nachtlager auf, indem sie darauf hofften, am Morgen, wenn der Markt eröffnet werden würde, zum Stehlen Gelegenheit zu finden. Aber bei Sonnenaufgang wurden sie umzingelt, jeder Zehnte von ihnen ins Bad geschleppt und trotz verzweifelten Geschreis vom Kopf bis zu den Füßen mit Lauge und heißem Wasser abgewaschen. Eine solche Verheerung hatte das Jebussitervolk noch nie erlebt. Es gab nämlich in ihrem Lande so wenig Quellen, daß es als Todsünde galt, Wasser für unwichtige Zwecke zu verwenden; nur ihren Priestern beim Tempel des Gottes Zion-Azazel in Jebus war dieser Luxus dreimal im Jahre vorgeschrieben. Die; ganze Schar lief entsetzt auseinander; die f geschändeten Opfer schleppten sich mit gesenkten Köpfen in ihre Berge zurück; sieben « Wochen lang galten sie bei ihrem Volk als 1 unrein, schliefen auf nacktem Boden, und nie- * mand wollte etwas mit ihnen zu tun haben; nur ihre Frauen rieben sie Tag für Tag naserümpfend mit Ziegenkot ab, um den unangenehmen menschlichen Geruch wieder auszumerzen, an dem die Jebussiter in der Dunkelj heit den Fremdländer zu erkennen pflegten, i Simson übte seine Richtertätigkeit nur bei sich in Zora aus; es kam viel Volk zu ihm, obwohl seine Urteile den Leuten nicht recht paßten. Seine Urteile waren zwar nie ungerecht, mit schlechten Menschen verfuhr er streng, doch enthielten seine Entscheidungen fast immer etwas Überraschendes, Aufreizendes. Unter klügeren Leuten kam mit der Zeit die Empfindung auf, daß er sowohl Kläger und Angeklagte als auch die ganze Versammlung zum besten halte: daß er, ohne zu lächeln, mit ihnen seinen Spott treibe. Und doch suchten sie ihn als Richter auf. Dan hatte kein schlechtes Leben in den Jahren des Richters Simson. Man vertraute ihm, unternahm nichts, ohne seinen Rat eingeholt zu haben; seine Worte waren in aller Mund; man beunruhigte sich, wenn er lange nicht aus Philistäa zurückkehrte, aber man konnte ihn nicht leiden. Von Philistäa dagegen wurde Simson vergöttert. Gar nicht zu reden von den Einge- 1 borenen: sie alle taten für ihn Laufbotent dienste, ließen sich für ihn peitschen und fol- 5 tern, versteckten ihn, spionierten für ihn, stellten ihm mit Vergnügen für die Nacht nicht - nur ihre Töchter, sondern auch ihre Weiber zur Verfügung; es heißt auch, daß sie sich - Simson-Götzen machten mit sieben Hörnern : und ihnen dreimal jährlich oder im Falle be- sonderen Unglückes Opfer darbrachten. Das alles war natürlich der Hauptgrund seiner; Unergreifbarkeit, Allkenntnis und Allgegenwärtigkeit. Das Sonderbarste aber war das Verhältnis der Philister selbst zu ihm. Nach ihrem Gesetz war er ein grausamer und tückischer Räuber; p auf seinen Kopf war ein Preis ausgesetzt, auf \ ihm erwiesene Unterkunft standen Auspeit- .? schung und Tod. Es war der Traum jedes sehr jungen Hauptmanns der Grenz- und Innenwachen, Simson gefesselt nach Gaza oder L