Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 30 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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124 Romanbeilage des „Jüdischen Echos* Nr.3 zogen nach Ägypten, oder stürzten sich ins Schwert. Der Gedanke werktätiger Arbeit konnte ihnen gar nicht in den Kopf kommen, ebensowenig als der Gedanke, auf den Händen zu gehen statt auf den Füßen. Alles, was Arbeit heißt, alles, was von der Hand berührt wird und woraus Dinge entstehen, machten bei ihnen die Eingeborenen. Es ließ sich schwer sagen, bei wem es die Überbleibsel der ehemaligen Völker Kanaans schlechter hatten — ob bei den Stämmen Israels oder im Lande der Fünf Städte. Sie starben hier nicht aus und wurden nicht aufgesogen: im Gegenteil, es waren ihrer viele, zum mindesten fünfmal soviel als Philister. Aber jede Stunde ihres Lebens gehörte den Herren, und die Philister, leichtsinnig und verschwenderisch, soweit sie unter sich waren, wußten bei den Eingeborenen darauf zu achten, daß keine einzige Minute dieser Stunden verloren gehe. Sie waren vortreffliche Hausherren und liebten die Ordnung. Ihre Ordnung bewunderte Simson mehr als alles andere. Ihren Staatsaufbau konnte er zwar nicht verstehen: die genaue, ausgearbeitete, weit verzweigte Hierarchie, die Abgrenzung der Funktionen, feste Regeln für jedes Verwaltungsgebiet — das alles war für ihn unfaßbar, erschien ihm als Wirrwarr. Aber er sah deutlich, daß sich nicht Wirrwarr, sondern große Harmonie hieraus ergab. Es gab da irgendwelche ausgefahrenen Bahnen, auf denen die Geschäfte von der Grenze bis zum Saran ihren wohlgeordneten Lauf gingen; es gab unerschütterliche Bräuche in den gegenseitigen Beziehungen der fünf Sarane. Das Leben verlief gleichmäßig wie die Kreise auf dem Wasser, wenn man einen Stein hineinwirft. Eines Tages war er in Gaza bei einem Tempelfest zugegen. Auf dem Platz vor dem Tempel hatten sich zu festlichem Tanz Jünglinge und Mädchen versammelt. Es waren ihrer einige Tausend — je einer auf jeder Steinfliese. Alle waren sie gleich gekleidet, alle in Weiß; die Jünglinge trugen kurze, gegürtete Hemden, die Mädchen Kleider mit Faltenbesätzen bis zur Erde,, eng anliegend an den Hüften, mit langen Ärmeln wie gewöhnlich, jedoch mit tiefem, breitem Ausschnitt, der die Brüste freiließ. Man hatte sie der Größe nach aufgestellt, in zwei Lagern: rechts die jungen Männer, links die Mädchen. Ein bartloser Priester leitete den Tanz; er stand auf der obersten Tempelstufe und hielt ein Stäbchen aus Elfenbein in der Hand. Als die Musik begann, erstarrte alles — sowohl die Tänzer auf den Steinfliesen als auch die ungeheure Menge ringsum auf den hölzernei j Tribünen, auf den Dächern der Häuser, au£ den ungepflasterten Rändern des Platzes | man vernahm das Heulen der Brandung von 15 Kai des fernen Majim, des Hafens von Gaza| An den Tänzern rührte .sich keine Falte; selbs % den entblösten Brüsten der Mädchen ließ siel I nur schwer ein Atem anmerken. Der bartlose Priester erbleichte und versenkte seine Augen in die Augen der Tänzer und sie die ihrer: in die seinen; er wurde immer blasser — die ganze zurückgehaltene Inbrunst dieser Tau< sende schien sich in seiner Brust zu verdichten, bis sie ihn zu ersticken drohte. Simsor fühlte selbst, wie das Blut zu seinem Herzeris strömte, daß er hätte ersticken müssen, wenr t dies noch einige Augenblicke andauerte. Plötz* f; lieh hob der Priester schnell, fast unauffällig | 1 das Stäbchen, und alle die weißen Gestalter! auf dem Platz sanken aufs linke Knie niedeii und warfen den rechten Arm zum Himmel empor — mit einer einzigen Bewegung, mit:; einem einzigen abgerissenen, rauschenden % Akkord. Der nach Zehntausenden zählenden; Menge entrang sich ein Seufzen oder Stöhnen. I Simson wankte und merkte, daß er Blut auf den Lippen hatte — so fest hatte er sie vorf hin zusammengepreßt.; Der ganze Tanz bestand aus solchen Wen- | düngen auf einen Wink des Stäbchens hin, f bald schroff, bald getragen langsam, und f dauerte nicht lange. Aber Simson verließ das f Fest in tiefer Nachdenklichkeit. Er hätte sei- \ nen Gedanken keinen Ausdruck zu verleihen vermocht, doch hatte er die unklare Empfin-f düng, daß man ihm hier, in diesem Bilde eines einzigen Willens, dem Tausende gehorchten, | das wichtigste Geheimnis der staatenbilden-11 den Völker gezeigt hatte. §j Neunzehntes Kapitel |j Allein * Über Simsons Räubereien und Streiche; waren viele Legenden in Umlauf. Die Mehrzahl war erfunden; die übrigen liefen meist : auf -die bloße Überlegenheit seiner Muskeln; hinaus, und es verlohnt sich nicht, sie zu erzählen. Er war einfach stärker als alle anderen Menschen, die vor und nach ihm auf der Welt lebten; in der Blütezeit seiner Jahre konnte er einen Stier mit der Faust zu Fall § bringen und vier Pferde an Zugkraft überbieten. Aber außer der Kraft seiner Muskeln besaß er auch noch andere Vorzüge. (Fortsetzung folgt) j