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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 29 (1928) Richter und Narr · p. Seite 119

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
29 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 119 (sequence 3)
Language
German
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~ywm* Nr. 29 119 Romanbeiiage des „Jüdischen Echos“ „Kain?4' fragte Simson. „Dieser Kain muß ein sonderbarer Mensch gewesen sein. Jedermann äußert sich über ihn anders. Ich habe einmal einen Gerichtsfall in meinem Lande gehabt, da hieß es, daß Kain ein großer Heiliger gewesen sei.44 „Hin Sünder war er44, antwortete der Greis. „Er wollte die Erde in Felder auf teilen; er vergewaltigte sie, daß sie nicht das aus sich hervorbringe, was Gott ihr befohlen hat, sondern was der Mensch absichtlich aussät. Von da an ist alles Leid und Böse unter die Menschen gekommen. Darum hat uns ja unser Prophet jonadab, der Sohn Rehabs, so zu leben befohlen, daß die Erinnerung an die Wahnsinnstaten unseres Ahnen verwischt werde.44 Lange und schön erzählte er Simson von diesem Glauben. Es war ihnen verboten, die Erde zu pflügen. Es war ihnen nicht erlaubt, steinerne Bauten auf der Erde aufzutürmen. Sie lebten nur solange an einer Stelle, als es die Erde duldete — solange sie Kamel, Schaf und Ziege nährte. War das Gras abgeweidet, so bedeutete dies, daß die Erde sagte: „Ich bin müde, geh weiter.44 Das Zeltlager der Rehabiter befand sich mitten in einem Palmenhain, an einem stillen, tiefen Bach, und weit ringsum weideten die Herden Eiions und seiner Söhne. Die ganze Horde kam ihnen entgegen: Männer, Weiber, Mädchen und Kinder. Simson wurde das beste Zelt zur Verfügung gestellt, und er verlebte mit ihnen sieben Tage und ruhte sich an ihrer Sorglosigkeit aus. In diesen sieben Tagen bekam er unter ihnen weder Streit noch Bitten, weder Befehl noch Fragen zu hören. Es gab in ihrer Lebensweise nichts Überraschendes; die wenigen Lebensbedürfnisse wurden in hergebrachter Weise, ganz mühelos befriedigt. Eiion was das Haupt, aber auch er war als Haupt überflüssig, da alle ebenso dachten, wie er, und das, was notwendig war, taten, ohne daß er ein Wort sagte. Sie hatten keinen Altar, sie beteten nie. Schon die kleinen Kinder wußten, daß Jehova der Gott ist, dem alles untertänig und bekannt, und den man an nichts zu erinnern braucht. Als Simson in der ersten Nacht das Zelt betrat, erblickte er dort ein Mädchen. Es war Ednah, Eiions älteste Tochter. Sie sagte zu ihm: „Mein Vater befahl mir, bei dir zu weilen, wenn du es wünschst.44 Simson hatte das nicht erwartet, aber dieses Leben, so unkompliziert und feierlich, hatte ihn bereits derartig in seinen Bannkreis gezogen, daß er sich nicht wunderte. Ihre Nacht verging, als wäre auch er in der Heiligkeit der Wüste geboren und aufgewachsen: beide erstmals, beide schüchtern und ernst, beide glücklich. Bei Sonnenaufgang erwachte er davon, daß sie sich erhob. „Wirst du heute abend zu mir kommen?4' fragte er. „Wenn du es wünschst.44 Er wollte schon nach städtischer Art nekkisch antworten: „Und du?44, wollte ihr ein verwirrtes Geständnis entreißen, doch überlegte er es sich anders. Wozu fragen, wozu spielen, wozu den klaren Bach mit Schlamm trüben? So antwortete er einfach: „Komm!44 Simson wußte nicht einmal bestimmt, ob sie ihn liebte, wer und was sie in seinem Leben war. Sie hatte heißes Blut und eine unendlich schlichte Ergebenheit, die, wenn sie allein zusammen waren, weder Scham noch Schüchternheit kannte. Doch niemals flüsterte sie ihm irgend etwas ins Ohr, nicht einmal beim Seufzen der Wonne. Nur einmal vielleicht versprach sie sich. Simson hatte sie gefragt: „Wenn es ein Sohn sein wird, welchen Namen wirst du ihm dann geben?44 „Elehabani44, antwortete sie. Das bedeutete: Gott gewann mich lieb. Vielleicht aber war es auch nur einer jener sonderbaren Namen, die in ihrem Stamm gebräuchlich waren. So verging eine Woche, und am siebenten Tag sagte er zu Eiion: „Morgen werde ich weiterziehen.44 „Wir sehen dich gern bei uns,44 antwortete Eiion, „aber nach unseren Bräuchen darf man den Gast nicht zum Bleiben nötigen. Zu was der Mensch sich entschlossen hat, das ist für ihn ein Gelübde; gegen ein Gelübde darf man weder in großen noch in kleinen Dingen ankämpfen.44 Simson hatte in der Tat bemerkt, daß sie niemals irgend etwas zweimal sagten. Sogqir beim Essen hatte man ihm nie zugeredet. Alles ist dein, nimm dir oder nimm dir nicht, ganz wie du willst. Auch Ednah bat ihn nicht zu bleiben; sie war in der letzten Nacht genau die gleiche wie in allen übrigen. Sie hatten ein Sprichwort: Der Sommer vergeht, der Herbst kommt, du aber schweig. Simson hatte keinerlei Gelübde, er brauchte nirgends hinzugehen, und er fühlte sich bei ihnen wohl. Aber er sehnte sich noch immer nach Einsamkeit. So verbrachte er viele Monate in der Wüste, ernährte sich durch Jagd, zuweilen auch von der Gastfreundschaft der Nomaden oder der Beraubung von Karawanen. Er brauchte sie nicht einmal zu überfallen; er %

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