Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 28 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 115 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- IRI
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Nr. 28 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 115 auch ohne Herausforderung; er redete genau so, wie es sich für einen Edelmann gehört, der einen Fehler begangen hat und seine Schuld laut eingesteht; denn auch das war in seiner Familiengeschichte schon vorgekommen. „Simson hat den ganzen Tag in meinem Hause zugebracht. Er war kurz vor Sonnenaufgang gekommen, war anfangs sehr erzürnt, beruhigte sich aber und legte sich schlafen. Ich war überzeugt, daß nun alles ein friedliches Ende genommen habe; da ich Semadar und Achtur wie auch die ganze Stadt nicht beunruhigen wollte, befahl ich meinen Leuten, seinen Besuch geheim zu halten. Spät in der Nacht aber erwachte er, ging fort — und was weiter kam, wißt ihr ja schon. Ich habe mich euch gegenüber schwer vergangen. Darum lege ich alle meine Ränge, Titel und Ämter nieder; stellet mich nach den Gesetzen der Fünf Städte vor Gericht.. Ein grollendes Gemurmel ging während seiner Rede durch die Menge. Achtur, der ihn von der Seite ansah, machte ihm mit der Hand ein Zeichen, er solle schweigen. „Das werden wir nachher untersuchen“, sagte er ziemlich deutlich. „Jetzt ist es mir nicht um dich zu tun. Ich brauche Semadar, rufe sie.“ Bergam wollte etwas erwidern, aber es war zu spät: eine leichte Hand legte sich auf seine Schulter — Semadar stand neben ihm. Es befand sich niemand in der Menge, der solche Dinge hätte bemerken können, doch bildeten sie in diesem Augenblick ein großartiges Paar, ohne Angst und ohne Hochmut, beide schlicht, verhalten, ernst, bescheiden und zu allem bereit. — Achtur wies auf Gammad: „Er sagt, du habest gesehen, auf welcher Straße Tajisch geflohen ist.“ „O nein, Achtur, ich habe es nicht gesehen“, sagte sie kopfschüttelnd. „Mir aber sagtest du, du hättest es wohl gesehen,“ brummte Gammad, „und du lachtest auch noch dazu.“ Semadar sah erst ihn, dann Achtur und die andern an, schüttelte wieder das Haupt und antwortete: „Das habe ich dir nicht gesagt; du hast meine Worte verdreht. Doch ist das unwesentlich; gesehen habe ich ihn nicht.“ „Dreh" ihr mal ordentlich die Hand hinter den Rücken,“ rief hinten irgend jemand grob, „dann wirst du die Wahrheit erfahren!“ Bergam war gesetzeskundig. Nach dem Gesetz hatte bei ihnen der Ehegatte fast unbebeschränktes Recht über die Frau — in gewissen Fällen sogar das Recht, zu töten, unter allen Umständen aber das Folterrecht. Ein Zaudern wäre gefährlich gewesen. „Sie konnte Simson gar nicht unterwegs gesehen haben,“ sagte er, „ich begegnete ihr zwei Bogenschüsse diesseits des Kreuzweges und schickte sie in Begleitung eines Sklaven nach Hause. Ich selbst aber ging weiter und begegnete Simson bei dem Feigenbaum. Ich weiß, auf welcher Straße er entflohen ist.“ Semadars Arme schlangen sich fester um ihn. Gammad wandte sich um und rief: „Aufgesessen!“, indes Achtur mit seinem einzigen Auge Bergam abwartend ansah. Bergam räusperte sich. „Auf welcher?“ fragte Achtur. Bergam bekam plötzlich das Gefühl, als hätte man auch ihm den Kiefer ausgerenkt und als falle ihm das Sprechen entsetzlich schwer. „Antworte, du alte Kuh!“ brüllte Achtur unbeholfen, beide Fäuste erhebend und einen Schritt vortretend. In Bergams Kopf arbeitete irgend etwas unabhängig von seinem Bewußtsein und Willen. Heute bei Tagesanbruch war ihm das gleiche widerfahren: erhobene Fäuste und das Wort „Alter“, Er hatte geantwortet: „Ja, ich bin alt, und du bist Gast in meinem Hause.“ Und jener Rohling hatte ihm nichts getan. Und dann — ja, eben erst — hatte er ihm das Schwert nicht abgenommen. Und er hatte in Bergams Haus geschlafen und sein Brot gegessen. — Bergam öffnete den Mund; Achtur ließ die Fäuste sinken, — aber Bergam krächzte und sagte nur folgendes: „Ich... ich befinde mich in einer sehr schwierigen Lage. Die Sache ist nämlich die, daß er unter meinem Dach geschlafen hat und daß ...“ Da wandte sich plötzlich Semadar an ihn, kindlich, einschmeichelnd und flehend, als wären sie allein und als bäte sie ihn um ein Spielzeug: „Vater, lieber, sag’ es ihnen nicht!“ „Ja, antwortete Bergam ebenfalls so, als spräche er mit ihr unter vier Augen, „ich bin tatsächlich der Meinung, daß es nicht richtig wäre.“ Da versetzte ihm Achtur mit aller Kraft einen Tritt in den Bauch. Bergam flog einige Schritte zurück und fiel auf den Rücken. Semadar hatte ihn losgelassen, da Achtur sie am Haar festhielt; er warf sie zu Boden und stampfte ihr auf Brust und Gesicht herum. Aus der Vorhalle ertönte das Geschrei der Frauen und Sklaven; Amtarmagai kam eilig die Stufen herunter und lief, ihr Kleid zusammenhaltend, zu der Tochter. Irgend jemand von den Freunden ergriff Achturs Arm;