Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 28 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 114 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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114 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Kr. 28 Pferdegetrampel, das man in diesem Bezirke damals noch selten hörte. Als er bei der Vorhalle anlangte, holten ihn zwei Reiter ein; der eine galoppierte weiter, zum Tor, der andere machte halt. Im Scheine einer Fackel erkannte er Bergam und dieser ihn: es war Gammad, ein reicher Städter, einer der nahen Freunde Achturs. „Bei dir im Hause ist, wie ich sehe, alles in Aufruhr,“ sagte der Reiter, „also weißt du schon Bescheid. Eine entsetzliche Sache. Man sandte uns nach Pferden aus für die Verfolgung. Er ist entflohen; auch deine Tochter ist verschwunden, Bergam, schon seit dem Anfang des Handgemenges. Wir befürchten, daß er sie eingeholt und davon getragen hat. Laß deine Pferde satteln; mein Bruder wird gleich sämtliche Ställe der Stadt auf die Beine bringen; schade, es sind nicht mehr viele Pferde da — aber sei unbesorgt, wir werden sie einholen! ...“ „Semadar befindet sich in meinem Hause,“ antwortete Bergam, „er hat sie nicht eingeholt. Reite zurück und sage Achtur, daß seine Frau sich außer Gefahr befindet.“ In dem gleichen Augenblick huschte eine weibliche Gestalt aus der Vorhalle, kam zu ihnen gelaufen und fragte: „Was ist mit ihm?“ Der Reiter meinte, daß sie sich nach Achtur erkundige. „Dein Mann... ist verwundet, doch hält er sich noch auf den Beinen — er und die übrigen warten am Kreuzweg auf die Pferde. Tajisch ist entflohen. Wir senden ihm sofort Verfolger nach.“ Semadar schlug die Hände über den Kopf zusammen und lachte aus vollem Herzen. „Entflohen! Mitten aus einer solchen Menge von Leuten mit Schwertern und Keulen! Er hat euch alle geschlagen und ist entflohen!“ Gammad sah sie mit gerunzelten Brauen an. „Ich bin froh, daß du dich gerettet hast, Semadar,“ sagte er trocken, „deine vergnügte Stimmung aber verstehe ich nicht. Auch Achtur wird nicht verstehen, warum du sein Haus verlassen hast.“ „Wenn ich nicht davongelaufen wäre,“ antwortete sie lachend, „so hätte er mich vor euren Augen davongetragen. Ich bedaure es jetzt selbst, daß ich davonlief.“ „Sprich keine Dummheiten, Semadar“, fiel ihr Bergam ins Wort. „Du bist im Fieber; geh zur Mutter.“ „Warte“, sagte plötzlich der Reiter. „Du ... du bist ihm doch nicht auf der Straße begegnet? Hast du nicht gesehen, in welcher Richtung er geflohen ist?“ „Selbst wenn ich es gesehen hätte,“ antwortete sie im Fortgehen mit schallender Stimme, „würde ich es euch nicht sagen!“ „Semadar!4 schrie Bergam in großer Aufregung; aber sie stand bereits wieder bei der Vorhalle, indes Gammad, ohne ein Wort zu sagen, sein Pferd umwandte und wieder in der Richtung von Askalon fortritt. Bergam begriff, daß dieser stürmische Tag für ihn noch nicht beendet war. Seine Lage wurde immer schwieriger. Gesenkten Hauptes begab er sich zur Vorhalle und versuchte irgend etwas zu überlegen, doch wußte er selbst nicht, was eigentlich. Den Frauen befahl er schlafen zu gehen, aber sie weigerten sich, und so sagte er nichts mehr. Ganz entschieden, er war sehr müde — und gar nicht mehr jung. Ein Sklave brachte einen Schemel für ihn, und er setzte sich; ohne sich dessen bewußt zu werden, zog er Semadar an sich, tätschelte ihren Arm und schob sie wieder von sich. Die Frauen redeten lebhaft miteinander, die Sklaven tuschelten. Man hörte, wie die Stadt allmählich erwachte, hinter der Stadtmauer leuchteten Lichter auf, es wieherten die aus den Ställen herausgeführten Pferde. Zu gleicher Zeit hallte von der Askaloner Straße zunehmendes Stimmengewirr herüber; Fackeln tauchten auf. Eine Menschenmenge kam auf Bergams Haus zu; ebendahin, ihr entgegen, die aus der Stadt herbeigeführten Pferde. Alsbald sah' die ganze Gegend vor dem Hause wie ein Feldlager aus. Bergam kam, seinen Bart streichend, die Stufen der Vorhalle herab und ging Achtur entgegen. Im Lichte der Fackeln erkannte er ihn nur daran, daß er vollständig unkenntlich war. Die linke Gesichtshälfte sah ganz unmenschlich aus; aber auch die rechte war durch Schmerz und Wut entsetzlich entstellt. Gammad ging, das Pferd am Zaum führend, neben ihm. „Ich brauche Semadar“, sagte Achtur zu Bergam, unter Beschwerden und offenbar auch unter Qualen den verstümmelten Kiefer bewegend. „Semadar weiß nichts, und es trifft sie auch keinerlei Schuld“, antwortete Bergam, seine Augen über die erleuchteten Gesichter schweifen lassend; sie alle trugen den gleichen bedrohlichen Ausdruck von Groll, Scham und unausgelüftetem Rausch. „Semadar hat nichts hiermit zu tun: schuld bin ich, ich sehe, daß mich die Schuld trifft, und will euch alles erzählen, wie es gekommen ist.“ Alle sahen ihn an und warteten. „Ich hätte euch warnen können,. tat es aber nicht“, sprach Bergam ruhig, gelassen, ohne erniedrigende Demut, aber