Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 28 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158520--12864-9081870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
116 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 28 i Semadar nützte dies aus, erhob sich schluchzend, brach dann in Lachen aus und schrie: „Dafür wird er dir die Haut über die Ohren ziehen — er Simson, mein Mann!“ „Sprich nicht so,“ murmelte Bergam am Boden sitzend, „das ist gegen das Gesetz; sie hat das Fieber ...“ Aber das alles kam zu spät. Achtur zückte sein kurzes Schwert und stieß es Semadar genau unter den Kopf, den sie zum letzten Spottwort erhoben hatte — stieß es ihr gerade in die Kehle. Das Schwert drang bis zur Hälfte ein, und Amtarmagai konnte die Zusammenbrechende gerade noch auffangen. In der Menge war es still geworden — dann verbreitete sich in ihr verhaltene Aufregung, es ertönten Frauenschreie und erregte Männerstimmen. Gammad aber sprang auf sein Pferd und rief, die Fackel schwenkend: „Ihr Wahnsinnigen! Wenn wir Tajisch nicht einholen, wird er seine Bande herbeiführen — und das Stadtviertel der Eingeborenen auf die Beine stellen, wie damals!“ D&s waren richtig berechnete Worte, die einzige Gefahr, mit der die Philister in diesem Bezirk zu rechnen hatten, der erst vor zwanzig Jahren von ihnen erobert worden war. Und so ertönten jetzt aus der gleichen Menge, wahrscheinlich sogar aus den gleichen Kehlen, Schreie: „Zwingt den Alten, es zu sagen!“ Mehrere Männer umringten Bergam. Sie hoben ihn auf einen Stein. Irgend jemand rüttelte ihn an den Schultern, irgend jemand griff ihm an die Gurgel, alle fragten ihn nach irgend etwas. Er aber schüttelte den Kopf und murmelte: „So verstehet doch, ich kann ja nicht...“ Dann, mitten in der inzwischen eingetretenen allgemeinen Stille, ergriff einer von ihnen seine Hand und legte ihm Stückchen zwischen die Finger. Dann umwand er die Fingerenden mit einem Riemen und zog ihn sehr fest zu. Die anderen hielten Bergam am Nacken, an den Beinen und an der freien Hand fest. „Eine sehr schwierige Lage“, dachte er. Bergam hatte nie geahnt, daß es solche Schmerzen auf der Welt geben konnte. Es schmerzten ihm nicht nur die Finger, sondern auch die Brust, der Kopf und die Knie. Es rissen ihm irgendwelche Sehnen, und irgend jemand richtete an ihn immer wieder die gleiche Frage, aber Bergam war nicht zum Sprechen aufgelegt. Er war sich nur des einen bewußt, daß er sehr heftige Schmerzen hatte. Gern hätte er gestöhnt, aber das gehörte sich nicht. Unterdessen hatte sich ringsum ein allgemeines Geschrei erhoben. In der Vorhalle und I Garten wurden Bergams Sklaven verprügelt — offenbar hatten sie ihre Herrschaft in Schutz nehmen wollen. Laut schrien die Frauen. Rings um Achtur fand eine Beratung statt: irgend jemand riet, man solle sich in mehrere Gruppen trennen und auf allen Straßen suchen; andere erwiderten, daß wegen des Rennens in Asdol nur noch wenig Pferde da seien, und daß es sinnlos wäre, gegen Tajisch eine kleine Abteilung zu entsenden, um so mehr, da seine Schakale vielleicht irgendwo in der Nähe im Hinterhalt lägen. Von Zeit zu Zeit rief jemand aus dieser Gruppe etwas zu der anderen hinüber, die sich mit Bergam zu schaffen machte, und es kam von dort die Antwort: „Er schweigt...“ Bergams Finger waren bereits gebrochen. Stumpf betrachtete er seinen Handrücken — er war breiter geworden, die Knochen waren auseinander gezerrt. Seine Henker berieten sich, was sie weiter tun sollten. Er machte sich die Atempause zunutze, strengte sein Gedächtnis etwas an und erinnerte sich, daß Semadar tot war... Wo war sie jetzt? Durch eine Lücke zwischen den um ihn herumstehenden Leuten erblickte er sie. Amtarmagai saß über sie gebeugt und hatte den Kopf der Tochter sich auf die Knie gelegt. Peleg hielt eine Fackel über ihr, beide Frauen und eine dunkelrote Lache beleuchtend. Bergams Augen begegneten dem Blick seiner Frau. Sie hatte das gleiche Gesicht wie immer, hochmütig, kalt, ausdruckslos. Sie nickte ihm zu, und ihre Lippen sagten deutlich, obwohl er es nicht hören konnte: „Schweig.“ Und so kam es, daß in jener Nacht die Verfolgung nicht auf genommen wurde; doch geschah in Timnata Furchtbares bis zum Sonnenaufgang. Vor Beschämung und ohnmächtiger Wut, vom Anblick der ungeheuerlichen purpurroten Maske Achturs, vom Geschrei und vom Blut vertierten die Menschen endgültig, Insbesondere, als mehrere Leichen auf Bahren herbeigetragen wurden — jene des Chanosch aus Ekron und noch drei mit zermalmten Köpfen — und irgend jemand auf den Gedanken gekommen war, aus Bergams Kellern nach Sprengung der Schlösser einige versiegelte Krüge herauszuholen. Bergams Haus war bereits durch stilles Einvernehmen aller vogelfrei. Sklaven, Straßenjungen, ja sogar einige von den mutigeren Eingeborenen strichen durch die Zimmer, zertrümmerten die Möbel, plünderten das Hausgerät, vergewaltigten die Mägde. (Fortsetzung folgt) i ‘; i