Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 28 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) (Copyrigth by Meyer & Jessen, München) 16. Fortsetzung Simson aber — und das sei das Furchtbarste gewesen — habe Achturs schwertbewaffnete Hand mit der Linken ergriffen und ihn mit der Rechten ins Gesicht geschlagen, und sogleich sei Blut von - Achturs Gesicht herabgeströmt, und Achtur sei nicht mehr wiederzuerkennen gewesen. Dann seien Sklaven herbeigestürzt, soviel sich in das Zimmer hätten hineindringen können — zwanzig, dreißig, ja noch mehr, alle mit Keulen in der Hand —, und alle, Gäste wie Sklaven, hätten Simson umringt. Ihr aber sei von dem Geschrei schwindlig geworden, und sie sei davon gestürzt, ohne selbst zu wissen, wohin sie lief; und jetzt töteten sie wohl Simson ... In diesem Augenblick wußte ihr Vater Bergam bereits, daß sie Simson nicht getötet hatten. Als er schnaufend am Kreuzweg angelangt war und in der Tat fernes Stimmengewirr vernahm, eilte ihm ein großer Schatten entgegen. Er wäre an ihm vorübergerast, wenn Bergam ihn nicht angerufen hätte: „Simson! Was hast du getan?“ Simson erkannte ihn an der Stimme, machte halt und antwortete mit vergnügtem Flüstern: „Weiß es selbst noch nicht. Sie mögen ihr Aas zählen und es dir selbst genau sagen.“ Lauschend wandte er den Kopf zurück. „Sie haben die Verfolgung noch nicht aufgenommen“, sagte er dann laut und ebenso erfreut.* „Sie suchen gewiß im Hause und im Garten. Aber ich muß eilen — es sind ihrer dort ein halbes Hundert und noch mehr; sie haben Schwerter und Speere. Leb’ wohl, Schwiegervater; ich danke dir, daß du mir Gelegenheit gabst, mich unter deinem Dach auszuschlafen und sattzuessen.“ „Wenn du nicht heute unter meinem Dach geschlafen und meinen Wein getrunken hättest, so versuchte ich jetzt selbst, dich zu töten, obwohl ich nicht mehr jung und stark bin“, sagte Bergam sicher und barsch, auf sein Schwert deutend. „Gib das Schwert her,“ befahl Simson und streckte die Hand aus. Bergam wich zurück. „Ich geb’ es nicht her. Das wäre nach dem Gesetz der Fünf-Städte-Verrat.“ „Gib es gutwillig her, sonst nehm ich es mir mit Gewalt.“ Bergam geriet nicht aus der Fassung: für einen derartigen Fall gab es bestimmte Regeln — offenbar enthielt seine Stammeschronik Beispiele, die mit dieser Situation mehr oder weniger Ähnlichkeit hatten. Mit einer raschen Bewegung drehte er das Schwert um, setzte es mit dem Griff auf einen Stein und stützte sich mit der Brust leicht gegen die Spitze. „Noch einen Schritt,“ sagte er zu Simson, „und auch ich werde ein Aas sein, wie du dich soeben ausdrücktest. Solange ich am Leben bin, wird kein Fremdstämmiger mein Schwert bekommen; das wäre gegen das Gesetz.“ In der Dunkelheit sah er, wie Simson sich sprungbereit vorneigte; die Schwertspitze aber stach ihn sehr unangenehm zwischen die Rippen, — es war ihm ganz entgangen, daß er die Faust langsam geöffnet hatte, mit der er sie umfaßt hielt. Plötzlich richtete sich Simson auf und sagte in dem gleichen vergnügten Ton wie anfangs: „Du bist ein mutiger Alter. Gut, es mag so geschehen, wie du es wünschst. Du behältst das Schwert, Semadar aber gehört mir. Bring sie nach Zora, sonst kehre ich zurück, um sie zu holen — und zwar nicht allein!“ Und sich nach allen Seiten umsehend, verschwand er auf der Straße, die zu den Anhöhen führte. Bergam wischte sich den kalten Schweiß aus dem Gesicht, blieb noch eine Weile stehen und überlegte — dann ging er nach Hause. Streng genommen, hätte er in der anderen Richtung gehen sollen und sich erkundigen, was geschehen war; aber schließlich konnte er ja niemandem helfen — und ein Tag Unruhe, das genügte für ihn wahrhaftig. Simson hatte ihn zweimal „Alter“ genannt — das entsprach vielleicht der Wahrheit. Bergam war sehr müde. Schon aus der Ferne erblickte er Fackeln und Gestalten am Eingang seines Hauses; im gleichen Augenblick vernahm er hinter sich