Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 27 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 111 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 27 Romanbeilage des „Jüdischen Echos1 111 „Wo sind meine Schuhe?“ wiederholte er, sich auf dem Boden umsehend. „Sei mir nicht böse, Tajisch“, flüsterte sie und brach plötzlich in Tränen aus. Sehr starke Menschen fürchten nichts auf der Welt so sehr wie Frauentränen; auch bei seiner Tätigkeit als Richter pflegten sie Simson aus der Fassung zu bringen. Er wußte nicht, was er sagen sollte. „Sei mir nicht böse,“ fuhr sie schluchzend fort, „vielleicht bin ich schuldig, doch ich liebe dich. Ich mag nicht mehr weiterleben, wenn du mir böse bist.“ „Laß das,“ sagte Simson ärgerlich, „ich bin niemandem böse, und es ist mir nicht um dich zu tun. Wo sind meine Schuhe? Ich kann doch nicht barfuß fortgehen.“ „Wohin willst du denn in der Nacht?“ „Zu Semadar“, antwortete er sehr einfach. Ihr Schluchzen ging plötzlich in ein Lachen über, ihre Ergebenheit in Aufruhr. „Du brauchst dich gar nicht zu beeilen,“ sagte sie mit schallender Stimme, „sie werden beide nicht vor Sonnenaufgang einschlafen.“ Und ehe er noch begriff, warf sie sich vor ihm nieder, umschlang seine Füße, hüllte sie in ihr Haar. Mit hastigen, zusammenhanglosen Worten flehte sie ihn an: „Ich sagte es dir doch damals, unter den Ölbäumen, du aber glaubtest es nicht, du gabst mir einen Schlag ins Gesicht. Sie ist ein abscheuliches Weib, es ist ihr einerlei, wer sie küßt, ob du oder Achtur oder ein dritter. Selbst in jenen Tagen hat sie dich nicht geliebt. Niemand liebt dich hier, du weißt es. Nur ich allein liebe dich. In den Nächten jener Woche raste ich umher wie ein Huhn, dem man in der Küche die Kehle durchschnitten hat. Wenn dies alles nicht geschehen wäre, so hätte ich sie selbst getötet. Nimm mich, Tajisch, ich werde mit dir nach Zora gehen, ich werde dir in den Krieg folgen, mitten unter deinen Schakalen, ich werde euch die Handhabung des Schwertes lehren, werde aus Timnata einen Schmied zu euch herüberlocken. Meine Mutter wird zur Magd deiner Mutter werden. Ich liebe dich, Simson ...“ „Laß meine Füße los,“ sagte Simson, „und laß mich meine Schuhe suchen.“ „So höre doch,“ schrie sie ganz außer sich, „Semadar hält jetzt Achtur umschlungen, und flüstert ihm ins Ohr, daß seine Zärtlichkeiten süßer seien als die deinen!“ Da befreite er den einen Fuß und stieß sie mit der nackten Ferse ins Gesicht, wie damals unter den Ölbäumen. Sie rollte zu Boden. Simson erhob sich, nahm das Nachtlämpchen und fand mit dessen Hilfe seine Schuhe, zog sie an, schnürte sie zu und ging fort. Sechzehntes Kapitel Bergams schwierige Lage Es war schon kurz vor Mitternacht, als Bergam von seiner Frau, der Avvitin, geweckt wurde. Sie hatte als einzige im Hause gesehen, daß Simson fortgegangen war. Um die Tochter besorgt, hatte sie sich nicht schlafen gelegt, sondern mehrere Stunden in einem dunklen Winkel des Vorraumes zugebracht. Als der Riesenschatten des Daniten an ihr vorübergehuscht und im Hauseingang verschwunden war, hatte sie sich in jenes Zimmer begeben und Elinoar in einem Anfall von stummer Hysterie angetroffen. Die Zähne des Mädchens schlugen aufeinander, und sie zitterte am ganzen Leibe. Es verging lange Zeit, ehe sie imstande war, zu sprechen, und noch länger dauerte es, bis die Mutter aus ihr herausbrachte, daß Simson zu Semadar gegangen sei. Darauf hatte sie beschlossen, den Herrn des Hauses zu wecken. Bergam geriet in ernsthafte Unruhe. Nachdem er sich schnell angekleidet, rief er einen Sklaven, befahl ihm ein Schwert mitzunehmen und eilte mit ihm zu Achturs Haus. Es war eine dunkle Nacht und darum unmöglich, durch Felder und Weinberge zu gehen. Sie mußten auf der Straße bleiben, was ein weiter Umweg war. Bergam schritt so schnell aus, als es ihm seine schwammige Fülle erlaubte, und überdachte die Lage. Sie erschien ihm schwierig, besonders deshalb, weil ihm Zweifel kamen, ob er selbst nach allen Regeln der Vernunft gehandelt habe. Schon am frühen Morgen hatte er seinen Sklaven verboten, irgend jemanden zu erzählen, wer als Gast in seinem Hause weile. Seine Sklaven aber zeichneten sich unglücklicherweise durch vorbildlichen Gehorsam aus. Hieraus folgte, daß Achtur und Semadar nichts ahnten und überrascht werden würden. Anderseits hatte Achtur ihm am Tage vorher gesagt, daß an diesem Abend seine Freunde sich bei ihm versammeln würden, wohl anläßlich des bevorstehenden Rennens in Asdod, wohin dieser Tage aus allen Ställen der Stadt Pferde gebracht worden waren. Man konnte also hoffen, daß die Unterhaltung sich in die Länge gezogen hatte, und daß jemand würde eingreifen können, falls die Dinge eine ganz ungebührliche Wendung nehmen sollten. Doch wiederum: „eingreifen ...“ In welchem Sinne würden sie „eingreifen?“ Achturs Freunde waren lauter junge Leute, es befanden sich nur wenige gesetzte, klug überlegende Männer unter ihnen. Das alles könnte ein unangenehmes, sehr unangeneh-