Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 27 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r mes Ende nehmen. Bergam konnte Äußerungen ungeordneter Gewalt nicht leiden. Auch er hatte in seiner Jugend sich zweimal an Überfällen beteiligt, mit denen die Unterwerfung des Tales Sorek und des Bezirkes Timnata verbunden gewesen war. Von Natur aber war er ein Mann der Ordnung, kein Krieger, und schon allein der Gedanke an ein Handgemenge, an Schmerzen, an den groben Unfug einer Überrumpelung erschien ihm widerlich. Kurzum, die Lage war eine schwierige. „Ist es noch weit?“ fragte er den Sklaven. „Bald kommt der alte Feigenbaum an der Wegkreuzung; von dort ist es nicht mehr weit, Herr — nur noch drei bis vier Rufweiten.“ Der Adel rechnete nach Bogenschußlängen, das einfache Volk nach menschlichen Rufweiten — zweihundert Schritte etwa. Rufweite? Bergam war es von Zeit zu Zeit, als hörte er schon jetzt irgendwelche aus jener Richtung kommende Schreie; aber ringsum heulten derart die Schakale, rauschte der Wind so stark in den Hainen und Weinbergen, daß sich schwer ein Laut erkennen ließ. Wo befand sich nur der verdammte Feigenbaum? Er gebrauchte in Gedanken gerade dieses Wort „verdammt“, obgleich Fluchen nicht zu seinen Gewohnheiten gehörte. Von der Kreuzung führt die eine Straße — auf der sie jetzt gingen — ans Südtor, die andere in die Berge, die dritte um Timnata herum geradeswegs zur Grenze, die vierte am Hause Achturs vorbei nach Askalon. An der Kreuzung würde man hören können, ob dort irgend etwas nicht in Ordnung sei. Plötzlich ertönten gerade vor ihnen hastige Schritte, eine weiße Gestalt tauchte laufend aus dem Dunkel auf und huschte, sie bemerkend, zur Seite. „Wer dort?“ rief Bergam. Die Gestalt stürzte schreiend auf ihn zu. Es war Semadar, im Nachtgewand, ganz außer Atem vor Aufregung und vom Laufen; sie umschlang den Vater und stammelte zitternd mit versagender Stimme: . „Nimm mich mit nach Hause. Gehe nicht dorthin. Führe mich fort. Geh nicht dorthin. Führe mich fort ...“ Es bestand kein Zweifel mehr: die Unordnung war offenbar hereingebrochen, und Bergam fühlte, daß sich eine Lage ergeben hatte, die nicht Unschlüssigkeit, sondern klugen Überblick von ihm forderte. In strengem Ton befahl er: „Beruhige dich. Sprich klar und kurz: Was ist geschehen?“ „Sie töten ihn ... Sie töten Simson ...“ „Weswegen?“ „Er hat dem Chanosch den Kopf zermalmt. Mit einem Humpen. Auf einen Schlag. Doch hat Chanosch als Erster den Humpen geschleudert, ich sah selbst ... Und Achtur hat er ins Gesicht geschlagen; Simson hat ihn geschlagen. Oh! Wie entsetzlich — es ist nichts mehr zu sehen, weder Auge noch Ohr: nur Blut ... Und jetzt töten sie ihn. Ich möchte nach Hause.“ „Führe sie nach Hause“, sagte Bergam zu dem Sklaven, „und das Schwert gib mir“. „Vater, geh nicht dorthin“, schrie Semadar. „Geh“, wiederholte er dem Sklaven und stürzte laufend weiter. Der Sklave führte sie zurück, stützte sie und redete beruhigend auf sie ein. Es war Peleg, ein alter Diener; Semadar war unter seiner Obhut aufgewachsen, er war für sie so gut wie ein Familienangehöriger. Fast laufend erzählte sie ihm, was sie gesehen. Bei Achtur habe .ein Abendgelage stattgefunden, sie selbst sei schlafen gegangen. Von Lärm geweckt, habe sie plötzlich Simsons Stimme vernommen und aus ihrem Schlafzimmer herausgeschaut. Da sei Simson in der Tür gestanden. Laut, aber ruhig habe er gesagt: „Ich bin gekommen, um mein Weib zu holen. Gib mir mein Weib.“ Achtur habe sich von seinem Platz erhoben, die übrigen seien sitzen geblieben. Auch Achtur habe gesprochen, ohne die Stimme zu erheben, was er aber gesagt — daran könne sie sich nicht mehr erinnern. Plötzlich habe Chanosch aus Eskron mit betrunkener Stimme gerufen: „Schmeißt diesen Vagabunden hinaus!“ und habe mit einem Humpen nach Simson geworfen; und der Humpen habe sein Gesicht getroffen, und alle seien erschrocken und verstummt. Simson aber habe den Humpen aufgehoben und zurückgeschleudert — geradeswegs dem Chanosch an den Kopf. Und da habe es geknirscht und gekracht — wie entsetzlich! — irgend etwas sei nach allen Seiten gespritzt, und Chanosch habe sich auf den Boden gesetzt, sei einmal vor- und einmal zurückgewankt und dann umgefallen. Dann seien alle aufgesprungen und hätten geschrien. Achtur aber habe gebrüllt: „In meinem Hause? Meinen Gast? habe ein Schwert von der Wand gerissen und sei auf Simson zugestürzt, und alle Übrigen — es seien ihrer än die zwölf Mann gewesen — hätten Messer, Schemel und Krüge ergriffen und sie ebenfalls nach Simson geschleudert. (Fortsetzung folgt) V ■