Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 27 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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110 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 27 einen schwierigen Charakter. Es würde nicht einfach sein, sie hier im Kreise des philistäischen Adels zu verheiraten, insbesondere hier im Randgebiet, wo alles so auf Rassenreinheit versessen war; anderseits würde gerade in Anbetracht ihrer Herkunft ihre Verheiratung an einen Fremdländer nicht jene Mißhelligkeiten hervorrufen, die sich aus dem ersten Versuch ergeben hatten; und das um so mehr, da ja Simsons Eltern in Zora ein Haus für seine Frau gebaut hatten, was ihrerseits sehr vernünftig war. Das war ein in jeder Hinsicht vorzüglicher Plan. So berührte er, sich über Simsons gebeugtes Haupt neigend, vorsichtig und rücksichtsvoll diesen neuen Gedanken. Dem Vater stehe es selbstverständlich nicht an, als Heiratsvermittler seiner eigenen Tochter aufzutreten; jedoch in Anbetracht ihrer Freundschaft und — hm — der nun einmal gegebenen Umstände, könne man eine gewisse Abweichung von den Regeln zulassen. Er, Bergam, wisse nicht, ob sein Freund bemerkt habe, daß es in diesem Hause hier noch ein anderes junges Frauenherz gebe, das von seiner Heldenmütigkeit bezaubert sei; seinem Vaterauge habe das nicht verborgen bleiben können. Zugleich könne er ohne besondere Prahlerei sagen, daß er einstmals in seiner Jugend als Kenner weiblicher Reize gegolten und diese Wissenschaft noch nicht ganz vergessen habe; so erkühne er, Bergam, sich zu der Behauptung, daß seine jüngere Tochter die ältere bald an Schönheit übertreffen werde. Für ein erfahrenes Auge könne schon jetzt kein Zweifel daran bestehen. Wohl fehle vielleicht ihren Schultern jene weiche Rundung, die an den Schwung der Linien des besten Kruges kretischer Arbeit erinnere; aber ihre Brüste seien steiler aufwärts gerichtet und würden sich länger auf der erwünschten Höhe halten, die Hüften und Lenden aber, erst einmal gereift ... Simson hörte ihm nach wie vor nicht zu; seine Gedanken hatten sich überhaupt verwirrt. Plötzlich tat er etwas sehr Überraschendes: ganz unvermittelt, als bräche er zusammen, ließ er den Kopf auf ein Kissen fallen, legte die Füße aufs Bett und schlief ein, noch ehe sie darauf ruhten; schlief ein, ohne zu gähnen oder sich zu recken, als wäre er in die Erde versunken. Bergam nahm es ihm selbstverständlich nicht übel, zuckte jedoch die Achseln; das alles war für ihn neu, zum Teil sogar unterhaltsam, so etwa, als hätte er eine Bärenpaarung aus nächster Nähe beobachten können. Er mußte an den Lieblingshund denken, den er einmal in der Kindheit besessen; der hatte sich eine Pfote gebrochen, und ein heilkundiger Sklave sich lange damit zu schaffen gemacht, sie wieder zu heilen; das Hündchen winselte ununterbrochen, kaum aber hatte der Arzt den letzten Knoten des Verbandes geknüpft, da war auch das Hündchen ganz plötzlich, mitten im letzten Winseln, eingeschlafen. Bergam ging leise hinaus. Im Vorraum befanden sich seine Frauen und, für den Fall der Gefahr, eine ganze Schar Sklaven. Er entließ das Gesinde, mit den Frauen aber veranstaltete er einen Familienrat. Nach der Beratung wurde Elinoar der Befehl erteilt, häufig nach dem Schlafenden zu sehen und ihn zu bedienen, sobald er erwachen würde. Simson brachte den Morgen, den Tag und Abend schlafend zu. Ihm träumte nichts; doch nahm er von Zeit zu Zeit an der Grenze seines Bewußtseins körperliche Empfindungen wahr. Eine weiche Hand streichelte seine Stirn und strich die Zöpfe, die ihm über die Augen gefallen waren, beiseite. Dann lagen plötzlich seine Füße bequemer, und etwas Warmes glitt zärtlich und feucht über sie. Auf seinen Mund preßten sich geöffnete glühende Lippen, indes seine Hand für einen Augenblick wieder die heiße und seidige, federnde Berührung empfand, die er in jenen sieben Nächten schlafend zu fühlen gewohnt gewesen war. Er murmelte etwas vor sich hin, schlief aber weiter. Er erwachte ebenso plötzlich wie er eingeschlafen war und richtete sich sofort im Bett auf. Es herrschte dunkle Nacht; in der Zimmerecke brannte trübe ein Nachtlämpchen. Das erste, was er erblickte, war ein Tablett mit Brot, Fleisch, Met und Wein dicht neben dem Bett. Er begann zu essen und zu trinken, verzehrte und trank schnell alles, was auf dem Tablett stand. Darauf vernahm er ein Geräusch und bemerkte im Halbdunkel eine Gestalt. „Wer ist das?“ „Elinoar“, antwortete die Gestalt, ohne sich zu erheben. „Was willst du?“ „Der Vater befahl mir, mich um dich zu sorgen. Ich nahm dir die Schuhe ab, wusch dir die Füße und stellte die Speisen bereit.“ „Ist es jetzt spät?“ „Bald Mitternacht; alles im Hause schläft schon.“ „Reich mir meine Schuhe“, sagte er. Ohne sich zu erheben, streckte sie ihm die Hand zum Bett hin und sagte traurig: „Du sprichst mit mir so, als haßtest du mich wieder.“