Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 27 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS* RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) (Copyrigth by Meyer & Jessen, München) 15. Fortsetzung Plötzlich begriff er, daß Bergam schon lange über ihm geneigt stand und etwas Tröstliches zu ihm sagte, indem er die Hand auf seiner Schulter ruhen ließ; doch vermochte er nicht auf das hinzuhören, was er da sprach. Simson unterbrach ihn mitten im Satz und fragte, im Tone nicht der Beleidigung, sondern der Klage, mit der Stimme eines Besiegten: „Ist das etwa gerecht — ein unvorsichtiges, beim Festgelage ausgesprochenes Wort gleich ernst zu nehmen? Ich bin aus einem anderen Lande, weiß nichts von eurem Gesetz; ich habe mir deine Belehrungen von Mann und Weib nicht gemerkt. Das ist ungerecht.“ Bergam kam der Gedanke, daß Simson recht haben mochte. Aber er hatte in seinem Kodex ein andere Antwort bereit — und er sprach sie aus: „Es waren dabei hundert Personen zugegen. Ein Wort ist nicht das, was der Sprechende damit sagen wollte: es ist das, was die Zuhörenden heraushören. Werfe ich einen Stein zum Himmel empor und er fällt wieder auf die Erde, so war das ein Scherz von mir; fällt er aber einem Menschen auf den Kopf, so bin ich ein Mörder. Ein Unrechtes Wort, unter vier Augen ausgesprochen — ist ein Unrechtes Wort, sonst nichts; ein unrechtes Wort in Anwesenheit anderer — ein Urteil.“ Simson hörte ihm nicht zu; Bergam nahm seine Teilnahmslosigkeit als Zustimmung auf, war aufrichtig davon befriedigt und entrollte vor dem jungen Barbaren mit Vergnügen ein umständliches Bild von den gemütlichen, flachen Buchten seiner Weisheit. Er sprach lange, vernünftig und deutlich. Man dürfe wegen einer Frau nicht so betrübt sein; man dürfe sich überhaupt durch nichts betrüben lassen. Die Welt sei im Grunde genommen eine große Kinderstube, voll des verschiedensten Spielzeuges, als da sind: Küsse, Reichtum, Ehren, Gesundheit, Leben. Man müsse bei den Kindern lernen: ist ein Spielzeug zerbrochen, so weine, wenn du willst, eine Weile, dann aber nimm ein anderes und beruhige dich. Kommt aber der Abend — so laß alles liegen und geh ohne Sträuben zu Bett: der Schlaf, das heißt der Tod, ist ebenfalls ein Spielzeug, nicht schlechter wahrscheinlich als die anderen. Die Hauptsache sei eines: daß die Kinder stets sauber gewaschen sind und nicht allzu laut schreien. Nicht eigentlich seine Worte, sondern deren Plätschern begann allmählich in Simsons Bewußtsein einzudringen. Irgend so etwas Ähnliches war ihm schon bekannt und lieb, und gerade um dieser Weisheit willen war er ja immer wieder zu diesen Leuten nach Timnata gekommen; dasselbe hatte er damals auch zu Kami, Jahirs Schwester, gesagt oder, wenn auch nicht gesagt, so doch daran gedacht. Bergam indes ließ seine Rede weiterplätschern. Die Liebe. —■ gewiß, sie sei nur eine eigensinnige Laune; der Mensch meine zuweilen, daß es keine andere Frau für ihn auf der Welt gebe. Aber das komme ihm nur so vor. Auf die gleiche Weise bekäme man oft auf der Reise Hunger und meine dann: Wie schön wäre es doch, wenn man jetzt etwas leckeren Hammelbraten zu essen hätte. Man gelangt in einer Herberge an. Gibt es Hammelbraten? Nein. Wie entsetzlich schade. Was gibt es denn? Nur gekochte Hirse. Man schneidet eine Grimasse. Aber wenn schon — her mit der Hirse! Man beginnt zu essen — und es zeigt sich, daß auch Hirse schmackhaft ist; habe man aber ein wenig davon gegessen — so sei der Hammelbraten auch schon wieder vergessen. Das wesentliche sei der Appetit; ob es diese Speise sei oder eine andere — das sei nur Laune ... Nach diesem Gleichnis kam Bergam plötzlich ein genialer Gedanke; er kam;ihm, genauer gesprochen, nicht „plötzlich“, sondern durch eine natürliche Verbindung der Vorstellungen: Hammelbraten und Hirse; Küche; seine zweite Frau, die Avvitin, kocht vorzüglich; sie ist Elinoars Mutter; Elinoar! Während er noch fortfuhr, Simson zu trösten, überdachte er schon in aller Eile diesen Gedanken in jeder Hinsicht, das heißt soweit er ihn selbst und sein Haus betreffen konnte. Das Mädchen war herangewachsen; es hatte