Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 23 (1928) Richter und Narr · p. Seite 94

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
23 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158514--12837-9081848
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

94 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 25 Hände, Füße, ja, sogar Ohren von selbst zu zucken anfangen und Schaum aus dem Munde kommt. Blitz und Donner macht Ariel; Leute mit scharfen Augen haben ihn zwischen den Wolken gesehen, wie er aber aussieht, darüber gehen die Meinungen auseinander. Wenn aber der heiße, erstickende Ostwind einige Tage hintereinander bläst, so hat Rescheph das Niesen bekommen, der Riese aus der Wüste, die hinter dem Salzmeer liegt; wenn aber die Wellen Bootswrack oder die blauen Leichen der Seeleute an Land geworfen haben, so ist Rahab erzürnt, das Wasserungeheuer, vor dem sich sogar die alte philistäische Gottheit, der Haifisch, fürchtet ... Lachend und sich an ihn schmiegend, brachte sie ihm zuweilen sittsames Benehmen bei. Fleisch dürfe man nicht mit beiden Händen anfassen: man müsse den Knochen mit einer Hand ergreifen, ein Stückchen abbeißen und, solange man kaut, den Rest auf den Teller legen und die Hände unter den Tisch tun. Wenn man Wein oder Suppe trinke, so solle man sich nicht mit dem Kopf zum Trinkgefäß vorneigen, sondern den Becher oder die Schale an die Lippen heben und zwischen dem Trinken wieder auf den Tisch setzen. Wenn man mit einer Frau oder einem Greis spreche, solle man nicht mit auseinandergespreizten Knien dasitzen; beim Reden solle man nicht mit „ich“ beginnen; und wenn man ein zartes Mädchen umarme, solle man daran denken,* daß man ein starker Mann ist und sie nicht mehr als notwendig drücken. — Simson grinste und machte alles so, wie sie es ihn lehrte. Zur Belohnung spielte sie ihm zuweilen auf einer dreisaitigen Laute vor oder sang Lieder. Dies war eines der Lieder: „Mein Liebster fuhr auf Booten weit fort und warf zwei Küsse in den weißen Schaum: den einen für seine Mutter, den andern für mich ... 0 du meine alte Schwiegermutter, wozu brauchst du seine Zärtlichkeiten? Du küßtest ihn doch schon in der Wiege. Schenk mir dein Teil: auch ich werde bald eine Wiege haben.“ Und ein anderes: „Ich liebe dich, Liebster, wenn du bei mir bist; ziehst du in den Krieg, so wird ein anderes Schlaflager mein Flüstern vernehmen. Doch bin ich treu dir, ewig dir. So plätschert das Meer, in den Stunden der Flut, dem Monde entgegen. Kommen dann mondlose Nächte, so meinen die Sterne, daß für sie die Brust des Meeres sich hebe. Ihr tlummen Sterne! Ob der Mond nun leuchtet oder ob er verborgen — nur ihm gilt die Flut.“ Simson erging es gut in jenen Tagen. Gegen Abend, wenn die Hitze nachließ, begann von neuem das Gelage. Jetzt brauchte er sich durch niemanden mehr beengt zu fühlen: Vater und Mutter waren mit Machbonai ben-Schuni am Tage nach der Hochzeit nach Zora zurückgekehrt. Den Schakalen hatte Simson zu bleiben befohlen, obwohl er es vorgezogen hätte, auch sie nach Hause zu schicken: doch hatte die philistäische Jugend sie zu einem Wettkampf im Laufen, Ringen und Steinstoßen aufgefordert. Alles, was Simson tat, war für sie heilig; ohne zu fragen, hatten sie schlicht und ehrfürchtig als wahr hingenommen, daß einer, der in Zora Nasiräer war, in Timnata Wein trinken und die Philistermütze tragen dürfe. Auch sie selbst tranken und sangen viel — sangen auf Bitte Achturs ihre eigenen Lieder; übrigens sangen sie nur die ersten Tage, dann hörten sie auf. Simson, der ganz trunken war von seinem Glück, bemerkte die Veränderung nicht. Auch beachtete er nicht, daß seine Schakale jetzt nicht mehr in bunter Reihe mit den philistäischen Jünglingen an der Tafel saßen, sondern sich in Gruppen, möglichst nahe züsammengedrängt, hinsetzten. Bedient wurde er von Nechuschtan: dieser reinigte ihm die Kleider, machte die Schuhriemen mit Wachs blank. Als besorgter Anführer fragte Simson jeden Morgen, ob die Schakale mit Speise, Schlafplatz und Behandlung zufrieden seien. In den ersten Tagen antwortete der Knabe: „Oh, sie sind sehr zufrieden!“ — dann aber antwortete er nur noch mit einem kurzen: ja. „Es ist gut,“ sagte Simson eines Tages zu ihm, „daß ihr eine Zeitlang unter den Philistern leben müßt. Sie sind unsere Nachbarn; man muß einander kennen, dann wird es unter den Menschen keine Feindschaft mehr geben.“ „Von den Menschen weiß ich wenig“, antwortete Nechuschtan nach kurzem Schweigen. „Ich bin Hirte, weiß darum mehr von den Tieren. Bei den Tieren ist das anders.“ „Wieso denn anders?“ „Ein schwarzer Hund und ein brauner Hund beißen sich nicht, solange ein jeder von ihnen bei seiner Herde ist; bringst du sie aber zusammen, so fliegen die Fellfetzen nur so.“ Simson hob den Kopf, blickte aufmerksam vor sich hin, wollte nach irgend etwas fragen; aber da klangen Lautentöne aus dem Garten, und er ging fort und vergaß es. * * *

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.