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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 22 (1928) Richter und Narr · p. Seite 91

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
22 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 22 91 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ hatte ihn von sich gestoßen und einen anderen Liebling gefunden: niemand brauchte mehr Jahir, er war ein Verstoßener wie seine arme Schwester — ganz mutterseelenallein war er in der Menge, ein Fremdling für die ganze Welt... „Auch ich bin eine Fremde,“ flüsterte ihm das Mädchen zu, sein Ohr fast mit ihren glühenden Lippen streifend, „ich hasse die Philister; meine Mutter ist eine Eingeborene. Warum ist er zu diesem hoffärtigen Volk gekommen? Sie verhöhnen ihn flüsternd, über seine Kameraden aber spotten sie laut.. „Sie werden es nicht wagen“, sagte er jähzornig. „Hast du es denn nicht gehört? Essen, sitzen, sprechen — alles tut ihr nicht so, wie es sich gehört... Oh, ich habe die Speisen gereicht, ich habe alles gehört. Da sagte einer: ,Seine Krieger sollen das sein? Wie unsere Wasserträger sehen sie aus.4 Ein anderer sagte: ,Ein Riemen an meinem Schuh hat sich gelöst — sollte man nicht einen der Heerführer des mächtigen Dan holen, damit er ihn mir wieder festbinde?4 Ein dritter... oh, ich kenne sie! So haben sie meine Mutter ihr ganzes Leben lang verhöhnt, so werden sie mich mein ganzes Leben lang verspotten — und jetzt haben sie auch Simson im Käfig und werden ihn bald zu necken anfangen: durch das Gitter hindurch.“ „Ich werde es morgen Simson sagen“, antwortete Jahir, am ganzen Körper zitternd. „Ihm ist es nicht um dich zu tun ... Wie du zitterst!“ und sie umschlang ihn; er wandte ihr das Gesicht zu, ihre Lippen begegneten sich — aber in dem gleichen Augenblick sprang Elinoar auf und lief davon, indem sie ihm zuraunte: „Man könnte uns sehen ...“ Ein keckes, lautes Hochzeitslied singend, kreisten die Tanzenden auf einer Wiese in stampfendem, trunkenen Reigen. Auch Aclitur befand sich unter ihnen — Elinoar hatte ihn ihrem Hintermann abspenstig gemacht, hatte seine Hand fest ergriffen und tanzte hinter ihm her. Beim Kehrreim löste sich der Kreis: paarweise wandten die Tanzenden sich das Gesicht zu, faßten sich an den Händen, neigten sich weit zurück und drehten sich im Wirbel. Kreisend zog Elinoar Achtur unauffällig in den Schatten der Bäume. Er sang die anstößigen Worte des Kehrreims laut heraus — doch da brach sie plötzlich in ein so lautes Lachen aus, daß er unvermittelt innehielt. „Wie vergnügt du auf der Hochzeit deiner Geliebten bist, Achtur!“ sagte sie immer noch lachend. Er war zwar noch nicht so betrunken, daß er nicht reden konnte, immerhin aber doch betrunken. Lächelnd antwortete er: „Erstens ist Tajisch mein Freund.“ „Und zweitens?44 „.... ist eine Hochzeit keine Beerdigung: Semadar lebt noch — und ich bin noch nicht gestorben.“ „Wenn Tajisch dich jetzt hörte, so zerdrückte er dir den Kopf zwischen zwei Fingern wie eine hohle Nuß.“ „Schöne! Du überschätzest sowohl die Kraft seiner Finger als auch die Hohlheit dieser Nuß.“ „Warum fürchtet ihr euch denn alle vor ihm?“ „Fürchten? Wo willst du das bemerkt haben?“ „Heute abend. Er hat euch allen ins Gesicht gespien, ihr aber klatschtet in die Hände.“ „Wieso denn? Wann denn?“ „Sein Rätsel!“ „Das Rätsel? Was ist denn an dem Rätsel?44 Elinoar wandte sich um, als wollte sie gehen, und warf ihm verächtlich die Worte hin: „Wenn du nicht feige bist, Achtur, so bist du dumm. Seit dem Tage, da unsere ersten Großväter hierherkamen, hat noch niemand der philistäischen Jugend derartigen Spott ins Gesicht geschleudert.“ „Halt“, sagte er gebieterisch. „Ich muß wissen, um was es sich handelt.“ „Frag’ Semadar — falls er dir noch nicht verboten hat, mit ihr zu sprechen: frage sie — sie wird es dir erklären.“ Achtur wollte sie zurückhalten, aber sie war bereits in der Tür von Bergams Haus verschwunden. Ihre Nachtarbeit war beendet; es blieb nur noch der Morgen. Am frühen Morgen huschte die Neuvermählte, dem Brauch entsprechend, allein in den Haustempel. Dort waren auf einem kleinen Altar bereits drei Schalen bereitgestellt: mit Wein, Chrysamöl und Ziegenmilch. Vor dem Altar, umgeben von den elfenbeingeschnitzten Penaten, ragte ein weißes marmornes Säulchen von der gleichen Form empor wie in dem Betgemach der Frau Manoas, jedoch nackt und schmucklos. Semadar stellte die drei Schalen davor hin, tauchte die Finger hinein und benetzte den Scheitel des Symbols. Dann kniete sie nieder, verhüllte das vorgeneigte Gesicht mit einem Tuch und flüsterte ein Gebet, das die Hebamme sie eine ganze Woche lang vor der Hochzeit gelehrt hatte. Das Gebet war in dem ihr unverständlichen

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