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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 22 (1928) Richter und Narr · p. Seite 90

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
22 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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90 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 21 sowohl sie als auch Bergam und die wichtigsten Gäste darauf aufmerksam gemacht, es sei in Zora Sitte, daß der Sohn in Gegenwart der Eltern nicht zechen dürfe. Aber gegen Ende des Mahles begannen die berauschten Freunde den Bräutigam herauszufordern. „Es mag in Zora allerhand Bräuche geben!“ rief der eine. „In Zora ist es offenbar auch üblich, sich die Kleider zu bekleckern!“ brüllte rülpsend ein anderer, der schon ganz betrunken war, und wies mit dem Finger auf den bespritzten Kittel eines der Schakale. Aber Achtur, der neben ihm saß, preßte seinen Ellenbogen zusammen und sagte: „Schweig!“ „Bei uns aber gibt es auch eine Sitte,“ erklärte ein dritter, „der Bräutigam muß wissen, daß es sein Fest ist und nicht das unsere. Ein Lied, Ta... verzeih: ein Lied, Simson!“ — „Vorher darfst du nicht die Tafel verlassen!“ — „Sieh doch, es wird bereits dunkel — wir werden dich nicht zu deiner Braut lassen!“ Lachend umringten sie ihn und forderten im Chor: „Sing uns ein Lied!“ Achtur beugte sich über den Tisch und flüsterte Simson zu: „Säg’ ihnen doch irgend etwas, sonst wirst du sie nicht los.“ In diesem Augenblick fühlte Simson, daß jemand ihn ansah. Er erhob die Augen und begegnete Elinoars Blick. Sie nickte unauffällig, auf eine Schale mit Ekmigresten deutend, die vor ihr stand. Simson zuckte die Achseln, lachte und sagte: „Singen werde ich nicht. Wollt ihr aber wetten, so könnt ihr das tun.“ Sie klatschten in die Hände, fuchtelten mit den Armen und schwenkten die Mützen. „Ich gebe euch ein Rätsel auf,“ verkündete Simson, „und räume euch die sieben Tage des Hochzeitsfestes ein, um es zu erraten.“ „Und das Pfand?“ fragte irgend jemand rülpsend. Simson sah ihn an: es war jener selbe Gast, dem es nicht gefallen hatte, wie die Zoriten die Suppe aßen. Er brach in ein Gelächter aus und rief: „Dreißig Mäntel aus bester gestickter Seide: so werde ich doch meine unordentlichen Schakale nach diesem Fest neu einkleiden können!“ Der Lärm verstummte halb, und jetzt gab Simson sein Rätsel auf: „Speise kam aus dem Fresser und Süßigkeit aus dem Starken.“ . Darauf drängte er spielend die betrunkene, begeistert schreiende Menge auseinander, hob Semadar auf die Arme und trug sie in die sich schnell verdichtende Dämmerung hinaus. * * Die ganze Nacht hindurch ging es in Timnata laut und vergnügt zu. Niemand — weder die Betrunkenen, noch die Nüchternen — wußten eigentlich genau, was mit ihnen vorging. Nur Elinoar wußte mit Bestimmtheit, was sie tat. Sie trat zu dem Leviten Machbonai, der nach dem Gelage allein an der leer gewordenen Tafel saß und das schwere Silber der Schüsseln Bergams gedankenlos in der Hand wog. „Hausverwalter,“ flüsterte ihm Elinoar zu, „ich habe ein Anliegen an dich.“ Er fuhr zusammen, schob den Becher möglichst weit von sich fort, als wollte er einen etwaigen Verdacht beseitigen, und brachte, wenn auch mit unsicherer Zunge, so doch mit der ihm gewohnten Beredsamkeit die Bereitschaft zum Ausdruck, seine besten Kräfte der Erfüllung der Wünsche der hochwohlgeborenen Jungfrau zu widmen. „Ich komme nicht in eigener Sache,“ sagte sie, „sondern im Namen Simsons. Er fühlte sich behindert und bat mich, dir vorsichtig anzudeuten, ob du nicht die Abreise seiner Eltern beschleunigen könntest? Du siehst ja, er ist durch ihre Anwesenheit unfrei, und das könnte schließlich zu Unannehmlichkeiten führen. Unsere Jugend kennt ihn nicht erst seit gestern und wird ihn nicht mehr lange den Sanften spielen lassen.“ „Ich verstehe,“ sagte Machbonai in sich versunken, den Bart streichend, „wie aber kann ich das tun?“ „Du kannst es. Simson sagt: ben-Schuni ist der weiseste unter den Männern; meine Mutter gehorcht ihm wie das Lamm dem Hirten, mein Vater aber tut das gleiche wie meine Mutter.“ „Hm ...“ sagte Machbonai. „Vielleicht wäre es besser so ...“ Etwas später erblickte Elinoar in einem dunklen Winkel des Gartens die schattenhafte Gestalt eines Jünglings, der mit gesenktem Haupte unter einem Baum saß. Sie setzte sich neben ihn und legte ihre Hand auf die seine. „Weshalb bist du so traurig, Jahir?“ Er antwortete nicht; aber sie wußte schon, worüber er schwieg. Kami, seine Schwester, weinte diese Nacht, ihr Schluchzen in der Decke erstickend; Simson, der für ihn der Sinn und die Freude des Lebens gewesen.

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