Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 22 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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92 N ’. 22 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Dialekt ihrer Inselahnen abgefaßt. Aber der Inhalt war ihr bekannt, sie schämte sich darum ein wenig, es graute ihr — und sie kam sich auch etwas lächerlich vor. Als sie fertig war, sprang sie auf, schüttelte sich und erblickte Elinoar auf der Schwelle. Die Schwestern hatten nie freundschaftlich zueinander gestanden, am allerwenigsten in der letzten Zeit; an diesem Tage aber war Semadar sehr glücklich. Sie reichte dem Mädchen die Hand, zog es an sich und küßte es. Elinoar flüsterte: „Weißt du, Simson und ich haben uns versöhnt und sind jetzt Freunde.“ „Oh,“ antwortete Semadar, „ich freue mich.“ Und sie setzten sich auf die Schwelle des kleinen Götzentempels und begannen flüsternd sich zu unterhalten. Elinoar kreischte hin und wieder leise auf und wandte sich ab — wobei sie die Lippen fest aufeinanderbiß — indes die Neuvermählte errötete und das Gesicht in den Händen verbarg. Beide aber lachten ununterbrochen. „Warum haben sie nur solchen Lärm im Garten gemacht?“ fragte Semadar. „Ich hörte fortwährend die Stimme Achturs; wie mit Absicht sang er diese entsetzlichen Dinge gerade vor meinem Fenster ...“ „Armer Achtur“, sagte Elinoar, plötzlich ernst werdend. „Er hat sich seinen Kummer überschreien wollen. Es tat mir weh, ihn anzusehen.“ Semadar aber war allzusehr von ihrem Glück erfüllt, um Mitleid empfinden zu können. „Er soll nur ein wenig traurig sein“, sagte sie mit vorgeschobenen Lippen. „Das ist nützlich für ihn, er ist sonst gar zu stolz auf seine Schönheit. Simson ist besser als er.“ Elinoar schüttelte den Kopf. „Sei lieb zu ihm, Schwester“, sagte sie eindringlich. „Er ist Simsons Freund — sein einziger wirklicher Freund in Timnata. Man darf nicht Streit unter sie bringen. Wenn du dein Verhalten zu Achtur scharf veränderst, so wird er meinen, es sei dir so befohlen worden, und wird auf Simson ärgerlich sein.“ „Simson fürchtet sich nicht vor Nebenbuhlern,“ erwiderte Semadar sorglos, „Achtur weiß das. Gut, damit er sich nicht einbilde, gefährlich zu sein, werde ich jetzt absichtlich mit ihm wie früher tanzen und sprechen — und sei es auch unter vier Augen, es ist mir einerlei.“ „Verrat ihm nur nicht das Rätsel!“ drohte ihr die Schwester mit dem Finger. „Welches Rätsel?“ „Hast du denn nicht gehört, wie sie am Schluß des Mittagsmahles wetteten?“ „Ich habe es nicht beachtet. Um welchen Einsatz wetteten sie?“ „Oh, um eine Kleinigkeit — um einen Mantel oder eine Mütze. Hat denn Simson es dir nachher nicht erzählt?“ „Wir haben fast nicht miteinander gesprochen“, antwortete Semadar einfältig. Elinoar wandte sich ab und preßte die Lippen zusammen; doch gewann sie sofort die Beherrschung wieder. „Das Rätsel — betraf dich“, sagte sie. „Doch sag’ Simson nicht, daß ich es dir erzählt habe — sonst ist es aus mit unserer Versöhnung.“ In ihrer Darstellung verhielt sich die Sache folgendermaßen: In der vergangenen Nacht habe sie nicht schlafen können; gegen Sonnenaufgang habe sie das Haus verlassen, sei Tajisch begegnet und sei mit ihm gegangen. Unterwegs hätten sie sich dann versöhnt. Und da habe er ihr gesagt, daß diese Hochzeit ein Symbol sei des ewigen Friedens zwischen den Philistern und Dan. Semadar sei die süßeste Frucht von Kanaan. Bis jetzt hätten sein Stamm und alle ihm verwandten Geschlechter die Philister für grausame Feinde, für „Fresser“ gehalten, das sei aber jetzt für immer vorbei: die Feindschaft sei vergessen, übriggeblieben nur das Süße. Semadar fühlte sich sehr geschmeichelt. Nie hätte sie gedacht, daß Simson so liebe Dinge sagen könne. Sie küßte die Schwester nochmals, und beide gingen schlafen — beide zufrieden. Elftes Kapitel ImfremdenParadies Die ersten Tage verlebte Simson im Taumel seines Glückes. Trotz der Freundschaft mit Achtur und dessen Freunden war bisher sein Leben in den primitiven, etwas groben Verhältnissen von Jagd, Überfällen, zeitweiliger Feldarbeit in Zora, Trinkgelagen und Abenteuern mit den Mägden der Buhlerin Dergeto in Timnata dahingestrichen. Von der Verfeinerung und vornehmen Schönheit, die ihn unwillkürlich zu den philistäischen Kreisen hinzog, hatte er bisher nur die äußere, niedrigste Seite gekannt; auch kannte und liebte er ihre Sorglosigkeit, die Unbeschwertheit ihrer Lebensweise und Lebensansichten, im Vergleich zu denen alle Bräuche Dans als Gesetze eines Kerkers erschienen. (Fortsetzung folgt)