Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 20 (1928) Richter und Narr · p. Seite 83

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
20 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 83 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158510--12823-9081837
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 20 Romaiibeilage des „Jüdischen Echos“ 83 sogar einem kleinen Gelage; aber auf Befehl Simsons tranken die Schakale nichts. Auf dem Rückwege harrte ihrer ein Hinterhalt, an dessen Spitze natürlich die zwei Enkel des Ältesten standen. Sie blieben beide halbtot in der Schlucht liegen, die übrigen Benjaminiter flohen. Aber der Sieg war kein leichter — es mußte in Saalbim eine Rastpause gemacht werden, denn gut die Hälfte der Abteilung hielt sich nur noch mit Mühe auf den Beinen. Die Kunde von dieser Heldentat verbreitete sich schnell im ganzen Lande Dan; Leute, die nach Zora kamen, erzählten, daß man jetzt überall große Hoffnungen auf Simson setzte. Simson sagte nichts, wunderte sich aber innerlich. Schon an die zehnmal war er ausgezogen zu den Jebussitern und nach Ephraim und zu ebendemselben Benjamin, und noch nie hatte man soviel Aufhebens davon gemacht; und er legte sich ein Sprichwort zurecht, dessen Text nicht erhalten geblieben ist, dessen Sinn aber folgender war: solange du klein bist, wiegt dein Schekel ein Achtel; werde berühmt, und dein Achtel wird mehr wiegen als ein Schekel. In noch größeres Erstaunen aber versetzte ihn Schelach ben-Jubal, der Ältesten Ältester von Saalbim. Während die Bevölkerung Simson dankte und die Frauen den Saum seiner Kleider küßten, käute der Greis nur mit den Lippen und schüttelte den Kopf. Vor dem Einschlafen aber sagte er plötzlich zu Simson: „Ein Held ist eine große Sache; eine große Sache ist auch ein Richter. Ich habe in meinem Leben sowohl Helden als auch Richter gesehen. Was ich aber nicht gesehen habe und wohl nie zu sehen bekommen werde: daß in einem Körper sowohl ein starker als auch ein weiser Mann stecke.“ „Was hätte ein weiser Mann getan?“ fragte Simson. „Der Weise hätte den Hereschitern drei Teile der Herde genommen, den vierten aber vergessen.“ Simson wartete auf eine Erklärung. Der Greis käute noch ein wenig mit den Lippen, gähnte und sagte, sich die Brust kratzend: „Meine Mutter war eine kluge Frau. Sie pflegte mir immer zu sagen: fülle den Teller nicht bis an den Rand — sonst fließt er über. Iß genau soviel, daß noch ein bißchen Hunger im Leibe bleibt. Merke dir das für den Fall, daß du einmal Richter sein mußt.“ „Der Richter muß nach der Wahrheit richten“, antwortete Simson. „Auch für die Wahrheit ist der volle Teller nicht das richtige Maß. Wollte man nach der vollen Wahrheit richten, so müßte man alle Menschen steinigen. Das Schlimmste aber ist ein voller Sieg. Das führt zu nichts Gutem und ist auch nicht nachbarlich; wir aber sind Nachbarn Hereschs. Gute Nacht.“ Achtes Kapitel Auf dem Wege nach Timnata Einige Tage darauf setzte sich am frühen Morgen eine ganze Karawane aus Zora auf der nach Südosten führenden Straße in Bewegung. Außer Simson, seinen Eltern und den Schakalen befanden sich in dem Zuge fast alle Sklaven und Sklavinnen aus Manoas Hause sowie der Levit Machbonai ben-Schuni als Hauptanordner. Manoa und Hazlelponi ritten auf Eseln; weitere vier Esel sowie die Sklaven trugen Geschenke; der siebente Esel gehörte dem Leviten und war am schwersten beladen, denn Machbonai hielt den Augenblick für sehr günstig, um dauerhafte Handelsbeziehungen zwischen Caphtor und Dan herzustellen. Simson ging größtenteils neben Manoa, der dann abzusteigen pflegte, worauf beide langsam, miteinander schritthaltend, einhergingen und sich nur hin und wieder mit halber Stimme unterhielten. Zwanzig Schakale, festlich gekleidet, schon wieder hergestellt von Verrenkungen und Wunden, folgten als geschlossener Haufen, sangen irgendwelche Lieder, zuweilen verschiedene zu gleicher Zeit, spielten unterwegs Bockspringen oder schleuderten Steine nach den Geiern. „Wenn wir uns Zora nähern, werde ich sie auf philistäische Art auf stellen; sie verstehen es, in Kriegsordnung zu gehen — doch tun sie es nicht gern“, sagte Simson zum Vater. Dann schwiegen beide einige Minuten lang. „Die Philister sind nur eine Handvoll“, begann Simson wieder. „Worin liegt ihre Kraft? In der Ordnung. Alles ist berechnet, alles abgemessen, jeder Mann steht an seinem Platz. Das ist gut so.“ „Das ist gut so“, antwortete der Vater, nachdem er eine Weile geschwiegen. Simson erkannte an dem Tonfall, daß das nur so eine Redensart war und der Vater im Grunde genommen seine Einwände hätte. „Ich sehe manchmal zu“, fuhr Manoa fort, „wie deine Mutter das Essen zubereitet. Bei ihr ist alles berechnet: soviel Wasser und Milch, soviel Fleisch, soviel Graupen und Salz, und auch wie lange der Kessel auf dem Feuer zu stehen hat. Und es gibt eine schmackhafte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.