Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 20 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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82 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 2( beschleunigen, trat Simson auf den Ältesten zu, nickte, stürzte dann plötzlich vor, packte die zwei Burschen an den Armen und schleuderte sie hinter sich mitten unter die Schakale. Es war das in seiner Schar offenbar ein gewohnter Kniff — man begann mit der Festnahme von Geiseln: ehe noch die Hereschiter begriffen, was eigentlich geschah, hatte man den beiden schon die Arme hinter dem Rükken gefesselt. Darauf fingen die Verhandlungen an. Das freundliche Dorfoberhaupt begann mit Versicherungen, daß niemals irgend jemand irgendwessen Schafe angerührt habe; Simson antwortete mit der Drohung, das ganze Dorf niederzubrennen. Darauf erklärte sich der Älteste bereit, „Erkundigungen einzuziehen“, den Ankömmlingen aber riet er, in den Häusern der Dorfbewohner zu übernachten — je ein Schakal in einem Haus: denn eine jede Familie würde sich freuen, den Nachbarn Gastfreundschaft zu erweisen. Simson antwortete, daß sie alle zusammen nächtigen würden, und zwar im Hause des Dorfältesten, und daß bei etwaigen Vorfällen in der Nacht dieses Haus als erstes brennen würde. Da stellte sich heraus, daß der Dorfälteste schon Erkundigungen eingezogen hatte und ihnen einen Führer mitgeben könne zu der Stelle, wo sich, wie es hieß, irgendeine herrenlose Herde aufhalte. Simson dankte und erklärte sich einverstanden, fügte aber hinzu, daß der Dorfälteste und seine zwei Enkel sie begleiten müßten. Hiernach sah das Dorfhaupt offenbar ein, das seine Rednergabe ihm nicht mehr helfen könne. „Ich werde mich mit den Greisen beraten“, sagte er. „Berate dich nur“, antwortete Simson. „Aber hier, auf der Stelle. Ich höre nicht zu.“ Zehn bärtige, greise oder halbgreise Männer traten aus der Menge und umringten den Ältesten; sie begannen alle gleichzeitig, aber mit halber Stimme zu reden. Simson entfernte sich zu den Seinen und setzte sich auf einen Stein. Die übrigen Hereschiter sahen wie gebannt ihn und seine Kameraden an. Wie steinerne Standbilder standen die Schakale da: Simson hatte ihnen schon lange diese philistäische Kunst beigebracht, welche die unordentlich zusammengescharten, sich drängelnden Gegner vielleicht nicht weniger im Zaume hielt als die übermenschliche Gestalt des Nasiräers. Plötzlich berührte Nechuschtan Simson an der Schulter: „Sieh doch, der dort rechts in der Menge gibt irgend jemandem Zeichen!“ In der Tat winkte in der Menschenmenge jemand heftig mit den Armen. Simson erhob sich und blickte sich um: am Hang eines Hü-1 gels, in der Richtung, von wo die Daniterj gekommen waren, stand ein anderer Mann! und gab ebenfalls mit den Händen Zeichen.! „Sie schicken ihn nach Beth-Horon“, sagte der Knabe beunruhigt. Der Mann auf dem I Hügel nickte mit dem Kopf, drehte sich um : und begann schnell bergauf zu gehen. Jetzt hatte ihn die ganze Menge bemerkt; mit den Fingern auf ihn deutend, fingen sie an, freudig zu schreien. Verwirrung ging durch die Reihen der Schakale. „Stillgestanden!“ schrie Simson. „Nicht umdrehen! Laßt sie nicht aus den Augen.“ Er maß mit dem Auge die Entfernung: von der Stelle, wo er stand, waren es bis zum Gipfel der Anhöhe rund zweihundert Schritte. Zu weit, die Entfernung mußte um etwa ein Viertel verkürzt werden. Schnell, doch nicht laufend, schlug er die Richtung nach dem Hügel ein. Seine Augen waren auf den Laufboten geheftet, der den Pfad bergauf fast lief. Simsons Rechte griff suchend in den Lederbeutel, der an seinem Gurt hing. Der Hereschite war auf dem Gipfel angelangt; Kopf und Schultern hoben sich schon vom blauen Abendhimmel ab. Plötzlich stürzte Simson laufend vor und holte zum Wurfe aus. Er hielt einen flachen, runden Stein von Handtellergroße in der Rechten. Die Menge verstummte von neuem und horchte auf. Irgend jemand sagte halblaut und leidenschaftlich: „Er wird nicht so weit werfen können!“ Dann wurde es unheimlich still. Der Läufer war schon auf der Höhe angelangt. Laufend beugte sich Simson zur Erde und schleuderte den Stein. Er beschrieb einen großen Bogen, schien dann in der Luft still zu stehen — und flog darauf gerade nach vorne. Der Läufer warf die Arme hoch, sank in die Knie, fiel ganz hin, überschlug sich, rollte den Hang herab und blieb an einem Felsvorsprung hängen. Die Menge der Hereschiter schrie einstimmig auf; irgend jemand machte den Versuch, sich vorzudrängen, aber da erhoben die Schakale wie ein Mann ihre Keulen — und es wurde von neuem still. Simson kehrte zurück, und die Verhandlungen waren schnell beendet. Die Herde wurde noch in derselben Nacht herbeigetrieben; Nechuschtan, der etwas enttäuscht war, bestätigte, daß es die richtigen Schafe seien und daß ihre Zahl stimme. Hiernach wurde zwischen dem Dorf, Simson und Saalbim ein feierlicher Frieden für ewige Zeiten geschlossen, mit großen Eidesbeschwörungen und