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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 20 (1928) Richter und Narr · p. Seite 84

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
20 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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84 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 20 Speise.“ Simson erkannte an dem Tonfall*, daß auch das Wort „schmackhaft“ nur so eine Redensart war, und wartete auf das weitere. „Wenn aber an dem Kessel sich Rost befindet oder wenn die Magd vergessen hat, ihn zur rechten Zeit vom Feuer zu nehmen oder Ysop hineinzutun — so ist das Essen verdorben.“ „Bei einer guten Hausfrau kommt so etwas selten vor“, sagte Simson. „Deine Mutter ist eine gute Hausfrau. Aber es gibt auch noch eine andere gute Hausfrau: die Erde. Auch sie hat ihre Küche; die Sonne liefert das Feuer, die Wolken geben im Winter das Wasser — doch berechnet niemand den Regen oder die Wärme. Es kommt der Mensch und streut die Saat aus; auch das geschieht ohne genaue Berechnung — das eine Korn fällt auf Stein, das andere wird vom Winde fortgetragen. Dennoch aber gehen die Ähren auf. Nur darf der Mensch nicht träge sein, muß tief pflügen und nicht mit Saat sparen.“ „Gibt es denn keine Mißernten?“ „Gewiß. Ich behaupte ja auch nicht, daß die Erde eine bessere Hausfrau sei als deine Mutter. Aber eine jede von beiden wirtschaftet nach ihrer eigenen Art. Philistäa ist eine Küche. Dan, Ephraim, Juda und wir alle — wir sind wie die Samen im Felde. Ungezählt sind wir, und es gibt für uns keine Regel; zuweilen vernichtet der Hagel die ganzen Fluren. Hat man aber ein halbes Leben hinter sich und blickt zurück, so sieht man, wie wir wachsen. Es ist nicht so wie bei dem Kessel, daß da nur ein Riß zu sein braucht, und alles ist verloren.“ Simson wunderte sich nicht, daß sein Vater so weise und lange sprach. War doch Manoa mit ihm zusammen immer gesprächig. Dennoch schüttelte Simson das Haupt. „Nein“, sagte er, „das ist nicht so. Es ist jetzt zwar Frieden im Lande, aber es wird nicht ewig Frieden bleiben. Die Philister werden uns erdrücken, wenn wir bei ihnen nicht zählen und ordnen lernen.“ „Wir werden es nicht lernen“, antwortete der Vater. „Und sie werden uns nicht erdrücken.“ Er setzte sich von neuem auf den Esel und trottete weiter; Simson aber ging neben ihm, und beide schwiegen. ❖ Es räusperte sich irgend jemand hinter ihnen. Simson wandte sich um: es war Jahir, einer der Schakale, Karnis Bruder. Simson erkannte an seinem Gesichtsausdruck, daß er ein geheimes Anliegen habe. Er nickte und ließ den Vater vorausreiten. „Simson“, flüsterte Jahir, „dort hinter den Bäumen hielt mich ein Weib an. Ihr Gesicht war verhüllt, doch ist sie offensichtlich noch sehr jung. Sie möchte dich sehen; sie sagt, sie habe wichtige Nachrichten für dich.“ Simson nickte und ging zurück zu dem Olivenhain an der Straße. Da stand zwischen den Bäumen eine schlanke Gestalt; sie war ganz in ein Tuch gehüllt, aber das lange philistäische Kleid sah darunter hervor. Als Simson näherkam, enthüllte sie das Gesicht. Er erkannte Elinoar und wunderte sich, wie sehr sie gewachsen war, obwohl seit ihrer letzten Begegnung am Teich, bei Sonnenaufgang, nur ein Monat verstrichen war. Bei der Erinnerung hieran und überhaupt auch deshalb, weil er sie nicht leiden mochte, setzte Simson ein mürrisches Gesicht auf. Sie war sehr erregt und fand nicht die Worte, um anzufangen. Er fragte: „Hat Semadar dich geschickt?“ Sie wankte zurück, als hätte er ihr einen Stoß versetzt. Der Ausdruck hilfloser Schüchternheit verschwand von ihrem Gesicht und machte einer heftigen Wut Platz. In schroffem Tone antwortete sie: „Bin ich etwa ihre Magd für Laufbotendienste?“ „Was willst du also?“ „Sie hat andere Laufboten“, fuhr sie fort. „Deinen Freund Achtur zum Beispiel.“ Simson sah sie aufmerksam an, wandte sich schweigend um und wollte wieder seines Weges gehen. „Tajisch!“ In ihrem Ausruf lagen soviel Leid und Tränen, daß er plötzlich ganz willenlos wurde und stehen blieb. „Tajisch, heirate sie nicht. Sie liebt dich nicht, sie möchte von dir nur etwas angenehmen Zeitvertreib. Sie hat eine Liebhaberei für wunderliche Dinge. Erinnerst du dich noch, wie du ihr eine große Eidechse schenktest? Auch du bist für sie ein seltsames Tier, ein Eber oder ein Bär. Sie wird ein wenig mit dir spielen — und dann zu Achtur fortgehen. Hat sie eine Weile mit Achtur gespielt — so geht sie zu einem Dritten;“ Sie sprach abscheuliche Dinge aus, und Simson haßte sie. Aber ihre Stimme schluchzte, Tränen rannen an ihrem Gesicht herab — das legte ihm Fesseln an, und er wußte nicht, was er sagen oder tun sollte. (Fortsetzung folgt)

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