Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 19 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9072829-9158276-9158540-9158508--12817-9081832- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
78 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 19 Gegenwart, im Beisein auch ihrer Mutter, wie eine Buhlerin tanzte. Eine Fremde ... Simson suchte diese Erinnerungen abzuschütteln; die Vision auf dem stillen Wasser und das rothaarige Mädchen in den Armen des schönen stattlichen Burschen verschwanden. In dem gleichen Augenblick wurde es Simson zum erstenmal klar, wohin er ging; vorher meinte er ziellos zu wandern. Er hatte die Weinberge verlassen, vor ihm breitete sich eine Grasebene aus. Herden weideten darauf — die eine von ihnen von Karnis Brüdern gehütet. Jahir, der älteste, gehörte zu den „Schakalen“. Simson erkannte sie aus der Ferne. Von der anderen Seite des Feldes näherten sich ihnen zwei Frauen, die eine mit einem Krug auf dem Kopf, die andere mit einem Bündel. Die mit dem Bündel war Kami, die andere ihre Dienerin. Zu dieser Stunde pflegten die Mädchen den Hirten das Mittagessen zu bringen. Simson begriff, daß er gerade deshalb hierher gekommen war. Als sie zusammentrafen, errötete sie nicht und senkte nicht den Blick. Unbefangen zeigte sie den Brüdern, was sie mitgebracht hatte, teilte ihnen irgendeinen Auftrag des Vaters mit, verabschiedete sich, sagte zu der Dienerin: „Du wirst mich mit dem Krug einholen, sobald sie fertig sind — ich werde langsam vorausgehen“, und machte sich auf den Heimweg. „Ich will mit dir gehen“, sagte Simson kurz, trocken und ausdruckslos — so klang seine Stimme immer im Lande der Daniten. Kami blickte diesmal nicht auf, antwortete aber ruhig: „Gut, Simson.“ „Ich hatte gedacht, du würdest mit uns zu Mittag essen“, sagte Jahir enttäuscht. Ohne hierauf zu antworten, erteilte Simson den Befehl: „Sag’ es am Abend allen den Unseren: Morgen bei Sonnenaufgang am Brunnen. Es ist Vorrat für drei Tage mitzunehmen.“ Er ging an der Seite des Mädchens. Beide schwiegen, aber Simson erkannte an ihrem Atem, daß sie aufgeregt war. Er blickte sie von der Seite an — ihre Wangen hatten sich in der Augengegend in der Tat leicht gerötet — und sie biß sich in die Unterlippe. Er sah sie aufmerksamer an, erriet ihre Gedanken, als hätte sie sie ausgesprochen, und antwortete: „Gestern kamen zu mir Leute aus Saalbim. Man hat ihnen Vieh fortgetrieben; eine Bande aus dem Lande Benjamin. Einen Tag für den Hinweg, einen für den Rückweg, einen für das Ausfindigmachen der Herde.“ Das Mädchen sagte nichts, begann aber noch schwerer zu atmen; Simson befürchtete,- sie würde weinen. „Ich werde deinem Bruder befehlen, dazubleiben“, schlug er vor. „Für diesmal?“ antwortete sie kaum vernehmbar mit zusammengepreßten Zähnen. Sie wollte damit sagen: In einer Woche wird es wieder etwas geben, in einem Monat wieder, womit wird das enden? — und Simson verstand sie. Er hätte ihr gern auseinandergesetzt, wie wichtig und notwendig das alles sei; aber er war nicht gewohnt, zu erklären — selbst das, was er ihr vorhin gesagt hatte, war übermäßig ausführlich für seine Gewohnheit in Zora; und die Gewohnheit zu schweigen war stärker als der Wunsch, das Mädchen zu trösten, stärker sogar als die Angst, daß sie zu weinen beginnen könne und er nicht wissen würde, was er tun solle. So gingen sie noch lange schweigend nebeneinander her. Plötzlich wandte Simson ihr den Kopf zu; auf seinen stummen Befehl antwortend, begegneten ihre Augen den seinen, wieder war sie blaß und ruhig und fragte ihn ebenso wortlos: Was? „Vater und Mutter wollen zu deinen Eltern gehen und für mich um deine Hand bitten.“ Sie wurde noch blasser, obwohl sie schon vorher gewußt hatte, warum er mit ihr gegangen war. Hazlelponi hatte mit ihrer Mutter gesprochen, diese mit ihr; danach hatte Kami zwei schlaflose Nächte verbracht. Aber sie war in den Sitten eines guten Hauses aufgewachsen; auch Simson mußte sich ihnen fügen, gleichviel wer er war. Sie fragte ihn kühl: „Warum sprichst du hiervon mit mir?“ Und ganz unwillkürlich fügte sie hinzu: „Ich bin aus Zora, nicht etwa ein „Timnitermädchen.“ „Laß das“, sagte Simson. „Auch in Timnata pflegt nicht der Bräutigam die Braut zu fragen; die Sitte ist die gleiche in der ganzen Welt. Die Tauben leben überall nach ihrer Art; der Adler aber nach der seinen.“ Sie verschleierte ihr Gesicht zur Hälfte. Jetzt blickten sie sich nicht mehr oder doch nur sehr selten an. Das Gespräch zog sich mit langen Pausen zwischen Frage und Antwort hin. „Was möchtest du fragen?“ sagte sie. „In ein Adlernest schlägt leichter der Blitz ein als in einen Taubenschlag.“ „Das weiß ich. Aber was soll das?“ „Wenn du das nicht willst, so werden Haz-