Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 18 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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74 Romanbeilage des „Jüdischen Echos4 Nr. 18 sich der Nasiräer den Weg zur Mitte, indem er einfach, wie ein Schwimmer das Wasser, durch gleichmäßige Bewegung der Arme die breitschultrigen Männer auseinanderschob. Ihm folgten wie auf einem Pfad durch das Menschendickicht einer nach dem anderen etwa zwanzig junge Leute, alle groß und breitschultrig und alle mit eigentümlich herausforderndem Gesichtsausdruck. Der schlaue Levit erinnerte sich des Scherzes, den er bei jenem Zechgelage gehört hatte, und dachte: sie haben eher Ähnlichkeit mit Wölfen als mit Schakalen. Simson trat gelassen in die Mitte des Kreises. Das widersprach dem Brauch: gehörte es sich doch nicht für einen Jüngling, dessen Bart eben erst zu sprossen begann, vor dem Stadttor als Redner aufzutreten. Aber allen wurde sofort klar, daß man ihn anhören mußte; nicht nur deshalb, weil Zora und die ganze Umgebung ihn kannte und weil er auch auf die Übrigen durch seinen Wuchs und die Nasiräerzöpfe Eindruck gemacht hatte. Hier wirkte noch etwas anderes mit; in Machbonais Gedächtnis tauchte jener Augenblick auf, da Simson mit Chanosch aus Ekron spielte und ihm gleichsam mit den Augen diktierte, welche Zahl er zu nennen habe, — so deutlich diktierte, daß alle Anwesenden die gleiche Zahl hätten ausrufen wollen. Der Levit hatte wieder dieselbe Empfindung, als hätte Simson auch ihm wie allen anderen Menschen auf diesem Platze einen unwidersprechbaren Befehl erteilt, ihm einen Stoß in den Nacken versetzt, sich zum Herrscher erhoben und aller Gedanken sich untergeordnet. Erst war ihm, als spräche Simson mit einer anderen Stimme als bei dem Zechgelage in Timnata; allmählich aber begann er bekannte Intonationen zu erhaschen. Nur hatten bei dem Gelage diese schallenden Laute den Eindruck dumpfen Bellens gemacht; hier hingegen war klar, daß Simson ohne Anstrengung sprach, nicht laut und auch nicht leise oder sowohl laut als auch leise zu gleicher Zeit. Wer vermag zu sagen, ob die Ähren im Winde laut oder leise rauschen? Es ist ein Flüstern, aber schon aus der Ferne vernehmbar. Die Ackerbauer erinnerte diese Stimme an die Felder, die Seeleute an die Brandung, die Propheten an das Echo des Sturmes in den Schluchten, die Hirten an das Brüllen der Stiere, die Mütter an das selige Lallen des Kindes an der Brust, jedes Mädchen an die Stimme seines Bräutigams, dessen sie in unbewußter Sehnsucht harrt. Sie alle lauschten ihm nicht mit den Ohren, sondern von innen heraus, und alle unterwarfen sich ihm, noch ehe sie ihn verstanden. Doch war es auch leicht, ihn zu verstehen, denn seine Redeweise war schlicht, deutlich, und er ging ohne Einleitungen, ohne Entschuldigung seiner Jugend gleich zur Sache über. „Alle diese Pläne übersteigen unsere Kräfte. Wir können nicht gegen die Philister ins Feld ziehen. Das Haupt der Prophetensöhne hat die Wahrheit gesagt: selbstverständlich fürchten wir ihre Schlachtwagen und eisernen Schwerter; noch furchtbarer aber ist ihre Kriegskunst, und daß jeder Krieger wie ein Stock ist in den Händen des Zehentmannes, jeder Zehentmann in jenen des Hauptmanns und alle zusammen in den Händen des Saran. Gegen die Stämme Israels können wir uns ebenfalls nicht erheben. Benjamin ist. furchtbar im Kampfe, noch schlimmer aber ist seine Tücke: in der Nacht, da unsere Krieger seine Truppen in den Bergen suchen, wird er auf Schleichwegen in unsere Stadt dringen, Frauen und Kinder wie Böckchen schlachten und die Häuser niederbrennen. Bei Ephraim aber fallen drei Köpfe auf jeden der unseren, in den Kämpfen mit Sidon und Dor hat es viele Kupferlanzen erbeutet, seine Bögen sind aus Libanonholz gefertigt und schießen weiter als die unsren. Doch selbst wenn auch die Kräfte gleich wären, so darf doch nicht ein Stamm dem anderen das Land fortnehmen. Der Blinde trottet vorwärts, indem er mit dem Stab den Boden einen Schritt weit abtastet, was aber weiter kommt — das weiß er nicht; vielleicht eine Grube. Der Sehende dagegen sieht den ganzen Weg bis ans Ende. Es wird noch die Zeit kommen, viele Jahre nach uns, da Dan und Ephraim und Benjamin und sogar das immer berechnende Juda alle zusammen ans Meer rücken werden; es wird das Ende sowohl der Fünf Städte als auch Accos sein. Und wir dürfen nicht Rache säen zwischen den Kampfgenossen des Morgen.4’ Die Sonne stand bereits hoch im Süden; Simson wandte ihr den Rücken zu und deutete mit der Linken gerade vor sich hin: „Wählet zwölf erfahrene und zuverlässige Männer. Es sei unter ihnen ein Ackerbauer, ein Hirte, ein Jäger und ein Händler, der die fremden Sprachen kennt; entsendet sie nach Norden, über Ephraim und Naphtali hinaus, damit sie nach neuem Land suchen. Dort gibt es, wie es heißt, viel Wasser und Wälder, und die Ureinwohner dort sind träge, scheu und unvernünftig. Manasse hat zwei Länder; auch Dan wird zwei Länder haben.44 Es war bereits eine Minute vergangen, seit