Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 17 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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70 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' Nr. 17 mal blickte er sie aufmerksam an und erkannte trotz der Runzeln und der welk gewordenen Haut, daß diese Frau in der Jugend wahrscheinlich einmal schön gewesen sein mußte; danach hatte er ununterbrochen zur Decke emporgeblickt. Als sie geendet hatte, fiel ihm ein, daß er etwas Passendes sagen müsse, und mit dem Kopfe nickend äußerte er: „Solche Fälle sind bekannt, Herrin. Ich verstehe deinen ehrbaren Gemahl wohl: wenn vor der Zeugung eines Sohnes der Mutter ein Engel erscheint, so bedeutet das immer viel Unruhe, sowohl für die Familie als auch fürs Volk. Anderseits aber, wenn Gott sich entschlossen hat, euch beiden diese Ehrenlast aufzuerlegen — so traget sie, freuet euch und seid stolz.“ Darauf nahm Machbonai einen Imbiß zu sich und machte sich auf den Weg nach Zora. Das Städtchen war kleiner und ärmer als Timnata; auch hier wohnten die Eingeborenen an den Stadträndern, doch machten auch die Häuser des mittleren Stadtteiles, wo die Daniten wohnten, mit wenigen Ausnahmen den Eindruck von Hütten. Überhaupt hatte man hier nicht den Eindruck von zwei scharf voneinander geschiedenen Welten, einer siegreichen und einer besiegten. Auf den Straßen spielten die kleinen Danitenkinder Haschen mit den dicklippigen und glotzäugigen Kindern der kanaanitischen Rasse; die Frauen beider Stämme waren fast gleich gekleidet und gleich unordentlich, sie sprachen miteinander oder zankten sich, ohne daß man ein Anzeichen von Hochmut auf der einen und Unterwürfigkeit auf der anderen Seite merken konnte. Männer waren nicht zu sehen — sie arbeiteten in den Feldern oder Weinbergen. Doch machte Machbonai mehrere Krämer ausfindig und setzte an sie nach langem Feilschen einen guten Teil seiner Ware ab, sowohl der ehrlich erworbenen als auch der ihm in jener Nacht zugefallenen. Als er in Hazlelponis Haus zurückkehrte, traf er dort sowohl Simson als auch Manoa an. Manoa war ein Mann von sauberem Äußeren, nicht hoher und magerer Gestalt, mit einer alten Narbe auf der Stirn, dem Aussehen nach schon ziemlich alt, reichlich freundlich, aber nicht sonderlich mitteilsam; als höflicher Hausherr fragte er Machbonai, wer er sei und woher er komme, tat aber des Götzentempels nicht Erwähnung — offenbar beschäftigten iihn diese Dinge nicht; als er Antwort bekommen hatte, nickte er, trat zur Seite und begann mit seinem Sohn ein lebhaftes und freundschaftliches Gespräch. Simson hörte ihm aufmerksam zu, antwortete einsilbig und schüttelte nur den Kopf. Aus den Worten der Mutter hatte der Levit bereits begriffen, daß sein gestriger Bekannter Tajisch und der junge Nasiräer aus Zora zwei ganz verschiedene Menschen waren; also begrüßte er Simson, fast als wäre er ein Fremder. Als es zu dämmern begann, trat der Levit sein Amt an. Hazlelponi hatte einige angesehene Nachbarn zu der Feier eingeladen; alle waren gern gekommen, da sich schon überall das Gerücht von dem gelehrten Zauberer verbreitet hatte. Die Hausherren und die Gäste nahmen im Hof vor dem schrägen Dach Platz; hinter ihnen drängte sich das Gesinde Manoas. Der Levit hatte bereits vor dem goldenen Säulchen und den Penaten ein würfelförmiges Altärchen aufgebaut. Jetzt legte er einen weißen Talar an, drehte geschickt zwei Tauben den Hals um und riß ihnen, den kleinen Finger kokett abspreiz.end, die Köpfe ab, bespritzte mit dem Blut den Altar und seine Umgebung und zeigte sich überhaupt als ein kunstfertiger Mann. Auch seine Beschwörungen machten starken Eindruck: sie enthielten viele unverständliche fremdsprachige Wörter, und er sang sehr rührend. Zwischen den Gebeten bewegte er sich rhythmisch um den Altar und verneigte sich vor den Götzen. Zum Schluß sprach er, mit dem Gesicht dem vergoldeten Säulchen zugewandt, ein besonderes Gebet, das ein örtliches Thema behandelte, wobei die Zuhörer mit der gebührenden Andacht feststellten, daß er Jehova nicht beim Namen nannte — sie hatten gehört, daß es bei den richtigen Leviten so üblich sei. „0 Herr,“ sprach Machbonai ben Schuni mit halb singender Stimme, „du herrschest hier, umgeben von den Penaten dieses Hauses, indes ringsum sich deine Neider drängen, die Götter von Moab und Caphtor und Kanaan und Chet und Cusch und Mizraim. Zürne ihnen nicht, Herr, denn ihre Stunde ist noch nicht vorüber, und sie regieren noch ein jeder in seinem Bezirk. Gedulde dich, großer, eifersüchtiger Herr: bald wird dein Volk wie der Sand von einem Bergrutsch sich über die ganze Erde verteilen, und dann wirst du allein sein und kein anderer neben dir.“ In der allgemeinen Stille hörte man Hazlelponi irgend etwas flüstern oder stöhnen. Der Levit fuhr fort: „Und wende, o du Starker unter den Göttern, deine Gnade dieser Stadt und dem ganzen Stamme Dan, deinen Knechten, zu; sende ihnen gute Ernte und Frieden, wende Krieg und Krankheiten von