Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 15 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 63 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 63 niten diktierten, vielleicht aber lasen sie auch einfach in dem unkomplizierten Gehirn dieses Mannes uralter, aber unbeschnittener Rasse. „Elf!“ Tajisch streckte einen Finger aus, sein Gegner alle zehn. Der Ekronite holte ein buntes Seidentuch hervor, wischte sich lange die Stirn, die Ohren und den Nacken und fragte dann: „Was habe ich verspielt?“ — „Dein Schwert“, antwortete Tajisch. Der Lärm, der sich eben erst an beiden Enden der Tafel erhoben hatte, brach schroff ab. Die übrigen Ekroniter rückten instinktiv näher an den Spielverlierer heran. Er schien den Kopf vollständig verloren zu haben. „Das ist unmöglich“, sagte er leise. „Fordere was du willst, Simson, nur dies eine nicht — du weißt ja doch ...“ Die Nasenflügel des Daniten blähten sich wieder. „Ich will nichts davon wissen. Du hast verspielt.“ „Unserem Freund aus Zora ist es zweifelsohne bekannt,“ mischte sich da der betagte Schiedsrichter aus Asdod ein, „daß es durch das Gesetz der Fünf Städte verboten ist, Eisen an Leute seines Stammes weiterzugeben. Das wäre Staatsverrat, und es steht Todesstrafe darauf.“ Simson war dies alles sehr gut bekannt; doch war ihm offenbar noch besser bekannt, daß in sämtlichen Bezirken der zwölf Stämme kein einziges Stück Kampfeisen vorhanden war, und er hatte viel getrunken. Langsam richtete er sich auf; die Leute aus Ekron und Geser griffen mit unsicheren Händen suchend hinter sich, — aber die erfahrene Wirtin hatte schon längst durch einen Neger alle Schwerter fortschaffen lassen. Auch Achtur erhob sich, legte die Hand auf die Schulter des Freundes und sagte mit seiner herzlichen Bruststimme: „Simson, sie sind deine Gäste... und ihr alle seid unsere Gäste hier in Timnata.“ — Tajisch senkte mürrisch das Haupt. — „Wenn du willst, geb’ ich dir...“ begann der Spielverlierer, aber schon unterbrach ihn der Danite: „Ich will nichts haben.“ Mitten in dem peinlichen Schweigen hörte man nur, wie die Hunde sich um die Speisereste rauften. Plötzlich brach Tajisch in ein schallendes Gelächter aus, setzte sich auf seinen Platz und brüllte: „Wollen nicht auch wir uns anzubellen anfangen? Frieden!“ Er wandte sich zum Zaun um, und plötzlich antworteten aus der Mitte des Hofes dem Gekläffe der Hundemeute vier Köter: der eine — groß und sehr wild, der andere — ein beleidigter junger Hund, der dritte — ebenfalls ein junger Hund, aber zänkisch und frech; der vierte schließlich ließ seine Stimme nicht laut ertönen, sondern biß einfach zu, schmatzte und schnaufte. Und das alles war Tajisch ganz allein. Als er das Konzert beendet hatte, erhob er sich unter allgemeinem Gelächter — aus dem sich diesmal sowohl aufrichtige Erleichterung als auch ein gewisses Bestreben, Versäumtes wieder gutzumachen, heraushören ließ — und entfernte sich, indem er Machbonai zu sich heranwinkte. „Levit“, sagte er, „wenn du Arbeit an einem Opferaltar suchst, so komm morgen nach Zora zu meiner Mutter. Sie hat ein ganzes Gemach voll Götzen. Verstehst du dich auch darauf, unserem Jehova zu dienen?“ — „Selbstverständlich, auch ist ja der Opferdienst der gleiche.“ — „Frag4 in Zora, wo sich das Haus Hazlelponis benfidet: jedermann wird es dir zeigen.“ — „Ich danke dir, Sohn des Hazlelponi...“ — Simson lächelte. — „Sohn des Manoa,“ verbesserte er, „Hazlelponi ist meine Mutter, mein Vater heißt Manoa; aber wenn du in Zora fragen würdest, wo sich das Haus des Manoa befindet, so wird der Befragte einen Augenblick nachdenken und dann ausrufen: ah, du meinst den Mann der Hazlelponi!“ Drittes Kapitel Zwei Katzen Machbonai ben-Schuni bepackte noch vor Tagesanbruch, nach einer befriedigenden und geheimen Geschäftsberatung mit Frau Dergeto, den Esel und schlug den kürzesten Weg nach Zora ein. Auf einen Besuch bei den Mädchen, die er am Tage vorher getroffen, beschloß er zu verzichten: er mußte möglichst schnell aus dem Bereich der Stadt verschwinden, und der Besuch Timnatas hatte sich ja auch schon ohnehin für ihn als außerordentlich vorteilhaft erwiesen. Beim Verlassen der Herberge warf er noch einen Blick in die Gaststube; dort schnarchten beim Scheine eines Nachtlämpchens die auswärtigen Gäste; die Timniter waren schon längst, sich gegenseitig stützend, nach Hause gewankt — mit Ausnahme jener, die bei den Mägden zu Gast geblieben waren, deren Kammern sich in einem Seitenbau befanden. Die Wirtin selbst hatte die gleiche ihr angetragene Liebenswürdigkeit abgelehnt, da sie von Handelsgeschäften in Anspruch genommen war. Etwas später verließ Simson, behutsam auftretend, die Gaststube. In der rechten Hand trug er einen länglichen, in seinen Mantel gehüllten Gegenstand, in der linken die Mütze mit den Federn. Im Hof legte er beides nieder; dann tauchte er, einen Schwarm Mücken fortscheuchend, Kopf und Arme in einen gro-