Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 15 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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64 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 15 ßen tönernen Wasserkübel, schüttelte darauf noch lange Arme und Mähne, um trocken zu werden. Danach legte er seine sieben Zöpfchen sorgfältig im Nacken zusammen und setzte die Mütze auf; er sah sich um, wickelte den Mantel auseinander, nahm ein kurzes Ekroner Schwert heraus, steckte es sich hinter den Gurt, hüllte sich in den Mantel und betrat geräuschlos die Straße. Er begab sich zum Südtor, wobei er den gleichen Weg, den der Levit am Tage vorher gegangen war, in entgegengesetzter Richtung zurücklegte. Sogar im Armenvorort schlief noch alles; nur an seinem Rande, wo bereits die Häuser der Philister anfingen, bewegten sich in einem niedrigen Gebäude, das wie eine Grotte aussah, irgendwelche Gestalten, ein Feuer schürend, hin und her. Simson kannte Timnata und wußte, was es mit dieser Grotte für eine Bewandtnis hatte; es war die Schmiede, das Bollwerk der Philistermacht. Ganz und unwillkürlich bauschte er die Falten des Mantels an der linken Seite auf, damit die gestohlene Last darunter sich nicht abhebe. Die Sonne ging erst auf, als er am Südtor angelangt war. Es war frisch, das Wetter schön. Geier schrien unter den Gesimsen des uralten Torturmes; Lerchen stiegen eine nach der anderen zum Himmel empor, als hätte sie jemand an Fäden hinaufgezogen, und trillerten ohrenbetäubend. Rote und lila, mit schweren Tautropfen bedeckte Blumen flimmerten zu beiden Seiten des ausgetretenen Weges. Er ging schnell bergauf, ohne sich nach den vor der Stadt gelegenen Häusern umzusehen, wo sogar das Gesinde sich noch nicht zu rühren begann; er mußte vorwurfsvoll an die träge Lebensweise der Philister denken — wurde doch in Zora zu dieser Stunde schon längst in jeder Mühle gemahlen. Als er sich dem letzten Hause näherte, lachte er lautlos: dort, hinter jenen Bäumen, mußte ja gleich der Teich kommen, über den er nicht hatte hinüberspringen können. Er mußte noch jetzt lachen, wenn er daran zurückdachte, wie er im schlammigen Grund versunken war. Als er den Teich erreicht hatte, blickte er aufmerksam nach dem niedrigen Säuleneingang des Hauses; aber es war dort niemand zu sehen, es konnte auch so früh noch niemand dort sein —• Simson wußte das. Plötzlich rief ihn jemand beim Namen, es war eine junge weibliche Stimme. Er blieb stehen und blickte sich nach dem Teich um. Dort badete ein Mädchen — sie hatte schwarzes, nicht rotbraunes Haar, obwohl es im Sonnenlicht kupfern schimmerte. Simson schnitt eine Fratze, dann nahm sein Gesicht einen kalten, steinernen Ausdruck an. Das Mädchen richtete sich auf, das Wasser reichte ihm jetzt nur noch bis zu den Knien. Das ärgerte Simson. Er kannte ihre Streiche, aber das war doch zuviel des Guten. Ein Weib von zwölf Jahren ist eben ein Weib; ganz unbekleidet vor einem Mann dazustehen — das gehörte sich nicht einmal bei den Philistern, ja, nicht einmal bei den Eingeborenen. Er wurde innerlich verlegen, aber gerade darauf hatte dieses verdammte Teufelsmädel gerechnet, und d i e Befriedigung wollte er ihr doch nicht gewähren. Darum wandte er sich nicht ab und senkte er nicht den Blick, sondern brachte in seinem Gesicht einfach Gleichgültigkeit zum Ausdruck und sah mit gelangweilter Miene über sie hinweg. „Wohin so früh, Simson — und dazu noch nach einem Rausch?“ fragte sie laut und herausfordernd. Mit der klassischen Gebärde der Frau, die ihre Reize zeigen will, hob sie beide Hände zum Haar und begann es hinter dem Kopf auszudrücken. Sie war in der Tat ein sehr schönes Mädchen, aber ihre ebenmäßigen Linien stimmten Simson nicht milder. Schlangenbrut! dachte er, antwortete aber laut: „Ich habe auf dem Berg zu tun. Bin sehr in Eile.“ „Semadar schläft noch. Ich aber bade hier immer bei Sonnenaufgang, solange der Teich noch nicht ausgetrocknet ist. Hast du schon gefrühstückt? Magst du etwas Ziegenmilch? Warte doch einen Augenblick, ich werde mich in ein Laken hüllen und mit dir gehen — mein Kleid liegt im Zimmer?" Simson zuckte die Achseln und antwortete: „Ich habe keine Zeit, muß eilen. Leb’ wohl.“ Er wandte sich um und ging schnell weiter; sie lachte melodisch hinter ihm her und rief: „Also gibt es doch Dinge, vor denen der mächtige Tajisch sich fürchtet!“ „Es gibt einfach Dinge, die ihm gleichgültig sind“, erwiderte er, ohne sich umzublikken. Nichtsdestoweniger hatte ihn diese Begegnung in Aufregung versetzt. Er ertappte sich auf dem Gedanken: Wie, wenn es Semadar gewesen wäre? — und wurde tiefrot. Aber die Ältere hätte das nie getan. Semadar war wie alle Philistermädchen, mit denen er in Berührung kam, in ihren Umgangsformen bedeutend kühner als es in Zora üblich war; aber bei ihr ergab sich das alles ganz von selbst aus der lebendigen Klarheit und Heiterkeit ihres Gemütes, und darum wurde die Grenze des Zulässigen nie überschritten. (Fortsetzung folgt)