Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 15 (1928) Richter und Narr
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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62 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 15 ten und feinen Haars fiel ihm in die Stirn, über die Ohren und den Nacken bis herab auf die Schultern. Das Haar war an seinen äußersten Enden in sieben, etwa anderthalb handbreite lange feste Stränge von Daumenstärke zusammengeflochten. — Der Levit erbleichte und rückte ein wenig zurück. „Du bist also ein Nasiräer?“ fragte er halblaut. „Wie aber verträgt sich das... mit dem da?“ und er wies auf den Becher, der vor Tajisch stand, und die Weinlachen auf dem Tisch. Er war ernsthaft erschüttert. Wie die Gottheit heißt, der zu Ehren Religionsbräuche ausgeübt werden, das hielt er nicht für so wichtig; Gesetz aber bleib Gesetz und darf nicht verletzt werden. Tajisch jedoch war hierüber anderer Meinung. Er antwortete vergnügt und laut: „In Zora bin ich Nasiräer; im Lande Ephraim ebenfalls; hier aber bin ich nicht ich. Der Ölbaum wächst im Hain, der Weizen auf dem Felde; ein jedes Ding hat seinen Platz.“ Und er trank seinen Wein aus, wobei Achtur zurückhaltend in seine weißen Hände klatschte. „Das ist Sünde, Herr“, beharrte der Levit auf dem Seinen. Tajischs Gesichtsausdruck veränderte sich plötzlich; seine trunkenen Augen blickten streng und finster drein, die Mundwinkel hoben sich, die Nasenflügel spannten sich. Er beugte sich zum Ohr des Leviten und sagte deutlich: „Wachen und Schlafen hat seine Zeit. Dort bin ich wach; hier träume ich; dem Traum aber ist kein Gesetz vorgeschrieben. Trink und schweig!“ Er wandte sich ab und begann mit seinem Gegenüber, das noch nicht endgültig betrunken war, ein Spiel. Es war der Ekronite, der das Fleisch mit dem Schwert geschnitten hatte. Dieses Spiel, uralt wie das Mittelmeer, war sehr einfach und zugleich unglaublich schwierig: beide ließen die rechte Faust gleichzeitig auf den Tisch fallen, wobei sie mehrere Finger ausstreckten; der eine der Mitspieler mußte im gleichen Augenblick, auch nicht um eine Sekunde früher oder später, die Summe der von beiden ausgestreckten Finger nennen. An den verschiedenen Tischecken wurden andere Spiele gespielt, soweit man noch Gewalt hatte über seine Hände: hier ein vereinfachtes Würfelspiel mit geraden und ungeraden Zahlen, dort so etwas Ähnliches wie unser Kartenspiel, unter Zuhilfenahme bunter Sternchen von vier Farben. Ringe, Armbänder, Anhänger — die Scheidemünze des Philisterlandes — gingen von Hand zu Hand, zuweilen unter Flüchen, zuweilen erst nach Streitigkeiten und Schiedsspruch der betrunkenen Tischnachbarn. Der Levit richtete seine Augen auf die Wirtin, und sie wechselten einen Blick. Unterdessen hatten die Mägde bereits einen Korb voll abgenagter Knochen zu den Hunden hinausgetragen, und jenseits des Zaunes erhob sich das Gewinsel und Geheul der sich in die Beute Teilenden. Nur die Stimme des Daniten schrie alle Augenblicke die abgerissenen Worte heraus: „Sechs!... Vier!... Zehn!...“ Er sah seinem Partner nicht auf die Hände, sondern in die Augen und nannte fast jedesmal die richtige Zahl. Plötzlich schlug er dem Ekroniten vor: „Magst du mit mir wetten? Wir spielen mit vier Händen, und ich muß dreimal hintereinander richtig raten.“ — „Einverstanden“, sagte der Ekronite. „Und der Einsatz?“ — „Der Einsatz ist einfach: alles, was ich verlangen werde — oder, wenn ich verliere, alles, was was du verlangen wirst.“ — „Einverstanden“, sagte der Ekronite. Es wurden Schiedsrichter eingesetzt: Achtur auf seiten des Daniten und der Gast aus Asdod auf seiten des anderen. Tajisch hob beide Fäuste hoch, sein Gegner ebenfalls, und beide hypnotisierten sich mit den Augen. Plötzlich ließen beide zugleich die vier Fäuste auf den Tisch niederfallen, und ehe sie noch auf die Tischplatte aufschlugen, brüllte Tajisch: „Vierzehn!“ Die Schiedsrichter zählten nach. Tajisch hatte sämtliche Finger der linken Hand und einen der rechten ausgestreckt; der Ekronite hatte einfach beide Daumen eingebogen und je vier Finger ausgestreckt. Seine Finger zuckten leicht. — Wieder hoben sie die Fäuste. Die ganze Tafelrunde, außer den bereits Schlafenden, sah ihnen jetzt zu. Der Levit, dem vor Aufregung die Kehle ausgetrocknet war, starrte abwechselnd bald das eine, bald das andere Gesicht an. Beide Spieler waren leichenblaß geworden; aus den Augen des Ekroniten sprach äußerste Anspannung, während die Augen Tajischs sich noch tiefer unter die Brauen verkrochen hatten und, gleichsam zielend oder sich zum Sprunge vorbereitend, darunter hervorlugten. — Bauz! — schon schlugen die vier Fäuste wieder auf, als wäre es nur eine einzige, indes Tajisch sicher und nicht übermäßig laut das markante Wort: „Nichts!“ ausrief. Und so war es auch, die Fäuste waren zusammengeballt geblieben. Beim drittenmal war die Spannung geringer; aus irgendeinem Grunde erschien die Sache allen als entschieden. Der Ekronite blinzelte und schüttelte den Kopf, als hätte er etwas loswerden wollen; die Augen des Da-