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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 15 (1928) Richter und Narr · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
15 (1928) Richter und Narr
Date
1928-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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ROMAN-BEILAGE DES „JÜDISCHEN ECHOS“ RICHTER UND NARR VON ALTALENA (Wladimir Jabotinsky) 3. Fortsetzung Tajisch, der ohne Umstände und offenbar auch ohne große Anstrengung seinen verdutzten linken Tischnachbarn etwas beiseite geschoben hatte, wies auf den freigewordenen Platz. Der Levit setzte sich, tauchte die Finger in eine Wasserschale und machte sich (eine halblaute Beschwörungsformel vor sich hinmurmelnd, da er schon lange oder überhaupt noch nie Fisch gegessen hatte) ans Essen; aber es war ein umständliches Speisen wegen der Schuppen und Gräten, und so erklärte er alsbald, er sei nicht hungrig, und trank nur etwas Wein, den er mit Wasser mischte. „Von wo kommst du her?“ fragte ihn Tajisch mit ein wenig stockender Zunge. Über seine breite Schulter hinweg sah sein rechter Tischnachbar, sich in schöner Pose aufstützend, ebenfalls den neuen Gast an; seine linke Hand ruhte leicht und nachlässig auf der behaarten Pratze des Freundes — sie waren offenbar sehr befreundet. Der Levit hatte ihm schon vorher seine Aufmerksamkeit zugewandt und sich sogar seinen Namen gemerkt: er hieß Achtur. Es war ein geckenhafter, sehr schöner Jüngling; Stirn und Nase bildeten bei ihm eine gerade Linie, ohne Ausbuchtungen oder Höcker. „Ich komme jetzt aus Jebus,“ antwortete Machbonai ben-Schuni, „doch ging ich auf Umwegen, über Bethlehem; ich konnte mich nicht entschließen, geradeswegs nach Kirjath- Jearim zu gehen. Die Jebussiter wollen keine Straße ins Tal anlegen — sie fürchten sich; auf den Fußpfaden aber verirrt man sich leicht, auch wimmelt es dort von Raubtieren; und die Menschen dort sind auch nicht besser.“ „Jebus?“ sagte Achtur, „das ist doch dort, wo die Eingeborenen einen Bock anbeten?“ „Ganz richtig,“ antwortete Machbonai, „sie selbst nennen ihre Stadt Jerusalem. Der älteste Priester im dortigen Tempel ist übrigens mein Onkel; darum geriet ich auch nach Jebus — ich wollte eine Anstellung im Tempel finden: in unserem Stamm ist nämlich ein jeder von Kind auf mit den Bräuchen des Götterdienstes, mit Musik und Tanz vertraut. Aber jetzt sind scheinbar jene guten alten (Copyright by Meyer &. Jessen, München Zeiten vorüber, da ein Verwandter für den anderen einstand. Der alte Gauner empfing mich nicht einmal — er ließ mir sagen, ich solle am nächsten Tage kommen; am nächsten Tage aber händigte mir der Pförtner ein Täfelchen mit einer Aufschrift ein: ,Nimm das mit? sagte er, ,und übergib es der Familie, so haben es Ehrwürden anbefohlen.4 Auf dem Täfelchen aber stand folgendes — ich kann nämlich lesen: Wenn ich, wie einst Joseph, der Sohn Rahels, Stammesbrüder in Ämter einsetzen wollte, so würde das nochmals das gleiche Ende nehmen wie einstmals am Nil.“ Die Zuhörer brachen in ein Gelächter aus. „Dein Onkel ist ein kluger Mann“, sagte Achtur. Daß Dan und die übrigen Geschlechter einstmals aus Ägypten vertrieben wurden, war in Kanaan ebenso allgemein bekannt wie die Tatsache, daß die Philister auf dem Seeweg aus Caphtor gekommen waren. „Der Glaube aber ist dennoch dumm.“ „Offen gestanden habe ich mir gedacht,“ bemerkte der Levit, sich an den Wirt des Gelages wendend, „ob es nicht auch in Philistäa eine solche Gottheit gebe und ob du nicht ihr zu Ehren deinen Namen Tajisch, der Bock, erhieltest.“ Tajisch und Achtur brachen wieder in ein schallendes Lachen aus, das diesmal so ansteckend war, daß auch die andern sich nach ihnen umwandten, sie mit bleiernen Augen ansahen und mit unsicherer Stimme fragten, was sie denn hätten. Eine Minute darauf wälzte sich die ganze Tafel vor Lachen; die einen schlugen sich auf den Kopf, andere hämmerten mit den Fäusten auf den Tisch, dritte wieder stöhnten — kurzum, man merkte, daß Machbonai eine ungemein spaßige Frage gestellt hatte. „Das ist doch nur ein Spitzname,“ sagte schließlich Tajisch, sich die Augen wischend, „ich bin kein Philister: ich gehöre dem Stamme Dan an.“ „Und den Spitznamen ,Bock‘ haben wir ihm deshalb gegeben, weil er so struppig ist!“ erklärte Achtur und riß seinem Tischnachbarn mit einer behenden Bewegung die Mütze herunter. Eine Mähne dunkelbraunen, selten dich-

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