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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 14 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 59

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
14 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 59 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Romanbeilage des „Jüdischen Echos' 59 und nichts, was um sie herum vorging, sah. Es schien, als sei nur noch ihr Schein da, während sie selbst irgendwo weit, weit in der Ferne schwebte. Die Nonnen des Klosters zum „Heiligen Herzen“ trugen jetzt das Heiligenbild noch näher an Jephtha heran, erhoben es über ihrem Haupt und zeigten es der Menge. Kardinal Michel Ghislieri, der Großinquisitor, flehte sie aber mit weinerlicher Stimme an. „O du Sünderin, gib unsere gebenedeite Frau, die heilige Mutter“ (bei diesen Worten zeigte der Kardinal auf das Heiligenbild, das die Nonnen hielten) „und ihr Gesicht zurück, das du mit deiner Zauberei gestohlen hast und über deinen unreinen Zügen trägst! 0 du Sünderin, quäle nicht die heilige Jungfrau, siehe, wie sie leidet, wie ihre Augen tränen“ (dabei zeigte er abermals auf das Heiligenbild) „weil du ihr heiliges Gesicht gestohlen hast und es trägst, um die Menschen in dem Netz deiner Sünden zu fangen. Quäle nicht die gebenedeite Frau, nimm ihr heiliges Antlitz von deinem Gesicht ab und laß es gleich einem Englein, gleich einem Wölklein zum Himmel, zu ihrem geliebten Sohn Jesus Christus emporfliegen. Laß es nicht zusammen mit deinem unreinen Körper verbrennen. Erbarme dich und gib das Gesicht der heiligen Mutter zurück.“ Die Nonnen wischten sich die Tränen aus den Augen mit ihren schwarzen Ärmeln und wischten auch der heiligen Mutter auf dem Bilde die Tränen aus dem Gesicht mit ihren schwarzen Tüchern. Die Menge aber wurde bei diesem Anblick so gerührt, daß sie im Begriff war, sich auf die auf dem Bücherstoß stehende Hexe zu stürzen, ihr mit Gewalt das Gesicht der Gottesmutter zu entreißen und es dem Heiligenbilde zurückzugeben. Manche aber blickten mit gespannter Neugier und mit klopfendem Herzen zu der Hexe hinauf und warteten darauf, daß sie, gerührt durch die Bitten des Großinquisitors, das Gesicht der heiligen Mutter ablegen würde, daß dieses in den Himmel entfliehen und das wahre Gesicht der Hexe mit Hörnern und mit einem Auge in der Stirn sich zeigen würde. Allein die Hexe blieb nach wie vor auf dem Scheiterhaufen wie schwebend über den heiligen Büchern, die sie umgaben, stehen. Das Haupt stolz erhoben, stand Jephtha, wie es der Brauch der jüdischen Märtyrer war, mit geschlossenen Augen da, um vor ihrem geheiligten Tode nicht den bösen Menschen ins Gesicht zu sehen, was das jüdische Recht verbot — ebenso wie alle die taten, die vor und nach ihr in den Glaubenstod gingen. Mit bebendem Herzen sah das Volk den nun kommenden Dingen entgegen. Es sah, wie der Papst sich von seinem Throne erhob und die Stufen herunterstieg, gestützt auf die Arme der Kardinäle. Zwei schwarzgekleidete Mönche brachten ihm zwei schwarze brennende Fackeln. Der Papst nahm die Fackeln in seine Hände. Gestützt auf die Kardinäle trat er an die Bücherpyramide heran. Und als er den Bücherstoß anzündete, auf dem Jephtha stand, erscholl der Ruf des Volkes: „Der Stoß brennt!“ Erschrocken, blaß, mit bebenden Nasenflügeln und klopfendem Herzen verwandelte sich das breite Meer der menschlichen Köpfe in ein einziges lebendes Wesen, das ängstlich dem entgegensah, was sich jetzt ereignen würde. Das Feuer glomm erst langsam und wollte nicht auflodern, obwohl der Bücherstoß mit Pech und Teer beschmiert war. Als aber endlich die papiernen Bücher Feuer fingen, vermochten die Flammen dennoch nicht durch die auf Pergament geschriebenen Bücher und die eisernen Einbände der ältesten gedruckten Bücher durchzugreifen, glommen nur und konnten nicht hell auflodern. Als aber das Feuer sich endlich des Brennmaterials bemächtigt hatte, sich darauf wie ein hungriges Tier auf sein Opfer mit einem Knall stürzte, und seine Zungen, zum Schrecken und zur Verzweiflung der umstehenden Menge, zu dem auf dem Bücherstoß stehenden Mädchen emporstreckte, kam plötzlich ein unverhoffter Windstoß und jagte die Flammen von dem Opfer wieder fort. Einen Augenblick lang schien es, als hätte eine geheime Kraft das Feuer an seinen flammenden Locken gepackt, und hielt es nun wie einen rasenden Hund zurück, um den lebenden Körper vor den feurigen Pfoten zu retten. Das Volk erbebte bei diesem Anblick. Die Nonnen erblaßten, die Kardinäle erschraken. Hier und da hörte man die Leute aus dem Volke schon ausrufen: „Ein Wunder ist geschehen, ein Wunder!“ Allein plötzlich gab es einen Knall, als hätte das Feuer die geheime Hand, die seine Flammen bisher fortgetrieben, endlich überwältigt, und als hätte sich der Feuerhund bellend befreit. Zuerst streckte er seine Zunge aus und beleckte gierig die nackten Füße des lebenden Mädchens und knisterte dabei vor Freude. Dann aber warf er sich mit einem Male ganz auf Jephtha. Knisternd verzehrte er ihr Samtkleid — nochmals ein Lecken mit der Zunge, und das KleW riß und fiel von ihrem Körper in Fetzen herunter und ihr reiner leuchtender Leib kam zum Vorschein.

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