Das jüdische Echo
- Journal
- Das jüdische Echo
- Volume
- Romanbeilage des Jüdischen Echo
- Issue
- 14 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
- Date
- 1928-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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58 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ *r. 14 „Ruf den Kaufmann her“, ordnete Tajisch an. „He, Wandersmann! Ich lade dich zur Tafel. Semer, gib ihm gebratenen Fisch und einen reinen Becher. Er soll uns dafür erzählen, was es Neues gibt in der Welt.“ Der Levit streifte schnell das verspeckte Tuch vom Kopfe, glättete das Haar und verneigte sich, an den Tisch tretend, höflich nach allen drei Seiten. Er war den Umgang mit Fremdstämmigen gewohnt; mit Philistern war er allerdings noch nicht in Berührung gekommen, doch machten auch sie ihn nicht verlegen. „Ich heiße Machbonai ben-Schuni, bin aus der Familie Kehat, der ältesten des Geschlechtes Levi“, stellte er sich korrekt vor, aber niemand hörte darauf; das Gelage war bereits bei jenem Stadium angelangt, da es keine gemeinsamen Gesprächsstoffe mehr für die ganze Tafel gibt und die Tischnachbarn nur noch miteinander trinken, plaudern, sich küssen oder sich zanken. (Fortsetzung folgt.) DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 14. Fortsetzung und Schluß Als Jephtha den Stoß der Bücher bestieg und am Kopfe der Pyramide stehen blieb, wandte sie ihr Haupt zum Himmel empor; in diesem Augenblick glich ihre Gestalt noch mehr dem Heiligenbild. Es schien, als sähe sie nichts von dem, was um sie herum vorging, oder als ginge es sie nicht im mindesten an. Als sie so mit hocherhobenem Haupte dastand, da schien es, als würde sie jeden Augenblick die Arme erheben, sie ausbreiten und sich in die Höhe schwingen, während ihr blausamtnes Gewand von ihrem Leib auf den Stoß der Bücher fallen müßte — genau wie das Gewand auf dem Bildnis. Die Menge erschrak vor ihr. Es wurde still, wie in der Kirche beim Gebet. Da und dort streckten die Leute ihre Hände aus, aber nicht nach dem Heiligenbild, das die Nonnen hielten, sondern nach der wahrhaften, lebenden, atmenden und beweglichen Jungfrau, die auf dem Bücherstoß mit hocherhobenem Kopfe stand und in ihrer Trauer die ganze Welt mit ihrem Blick umfing, der voll Barmherzigkeit war. Und es schien, als würde sich das gereizte Volk jeden Augenblick vorwärtsstürzen, um die, die sie für die heilige Mutter hielten, vor den Flammen zu retten ... Als aber das Volk sich beruhigte und so still wurde, daß man seinen schweren Atem vernehmen konnte, der sich wie das Keuchen eines durstenden Tieres anhörte, erhob sich der Großinquisitor in seiner Loge, trat an den Thron des Papstes, stellte sich am Fuße dieses Thrones auf und las laut die Anklage und das Urteil des heiligen Inquisitionstribunals gegen die Hexe von Kastilien vor, wie man das jüdische Mädchen schon überall nannte: „Serbliches Menschenkind!“, rief der Kardinal mit lauter Baßstimme Jephtha an, „das heilige Tribunal beschuldigt dich, durch eine Zauberkraft, die du aus den unreinen jüdischen Büchern geschöpft hast, die heute mit dir zusammen zum Ruhme Gottes und seiner Kirche verbrannt werden sollen, das Gesicht unserer gebenedeiten Frau, der heiligen Mutter, vom Himmel herabgezaubert zu haben, wie sie sich auf dem Bilde ,Die Mutter der Liebe4 enthüllt, das sich im Kloster der reinen Nonnen, genannt ,Das Heilige Herz4, befindet. Das heiilige Tribunal beschuldigt dich ferner, dieses heilige Antlitz statt deines unreinen Gesichts angenommen zu haben, um das gläubige Christenvolk zu verführen, und zweimal in der Gestalt der Gottesmutter erschienen zu sein: das erstemal bei der Überschwemmung im Ghetto und das zweitemal beim Karneval, um deine ungläubigen Brüder vor dem mit Recht aufgeregten gläubigen Volke zu retten. Und auch jetzt, in den letzten Augenblicken deines ungläubigen Lebens, verbirgst dudich noch hinter dem Gesicht der heiligen Mutter, um dem gläubigen Christenvolk Angst einzujagen und die Vollziehung des von dir verdienten Urteils zu verhindern. Darum hat das heilige Tribunal dich zum Tode durch die Flammen verurteilt, damit du deine Unschuld durch das Feuer erweisen kannst. Bist du in der Tat ein überirdisches Wesen, so zeige deine Kraft und jage die Flammen von dir fort, ebenso wie es Heilige vor dir getan haben.“ Der Kardinal war mit dem Verlesen des Urteils fertig. Das Volk verharrte in Schweigen und blickte ängstlich zu Jephtha hinauf, die wie schwebend auf dem Bücherstoß stand