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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 14 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 60

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
14 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 60 (sequence 4)
Language
German
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60 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ Nr. 14 Das Feuer hielt einen Augenblick inne, als wollte es den leuchtenden jungen Mädchenkörper erst betrachten, den es im Begriff war zu verzehren. Und gleichzeitig mit dem Feuer jauchzte auch der aufgeregte Pöbel beim Anblick des nackten Mädchenkörpers auf. Einen Augenblick lang sah man, wie das lebende Wesen, das im Feuer stand, mit seinen Händen das brennende Kleid erfaßte und mit ihm seinen nackten Körper zu bedecken suchte, und erst in diesem Augenblick ließen sich aus dem Feuer heraus die einzigen Wörter hören, die Jephtha mit lauter Stimme ausrief: „Höre Israel! Unser Gott ist der einzige Gott!“ Diesem Ausruf aber scholl ein Echo aus der Menge nach. Jemand unter den Zuschauern antwortete dem Mädchen mit dem gleichen Ausruf: „Höre Israel! Unser Gott ist der einzige Gott!“ Allein die Menge hatte dies alles nicht gehört. Sie war zu sehr in das Bild vertieft, das sie mit strahlenden Augen aufnahm. Das Feuer spielte erst mit seinem Opfer, als fiele es ihm schwer, den jungen Mädchenkörper mit einem Male zu verzehren. So freute es sich vorerst an jedem Teil dieses Körpers und beleckte ihn mit seinen Zungen. Dann aber griff es in das Haar des Mädchens. Der Wind hob das brennende Haar, und einen Augenblick lang schien es, als .ergösse sich eine brennende Sonne über Jephthas Haupt. Ihr nackter Körper ward von rotem Licht umstrahlt. Sie war wie eine phantastische, vom Himmel herniedergekommene Gestalt. Aber plötzlich spritzten Ströme von Blut aus ihrem geplatzten Körper und aus ihren gespaltenen Brüsten, gleich dem Saft einer jungen Frucht, ins Feuer. Dieser Anblick machte das Volk rasend. Das im Feuer aufflammende Blut setzte die Instinkte der Zuschauer in Brand, tränkte sie mit Begierde, und sie begannen mit ausgestreckten Zungen nach dem Scheiterhaufen zu drängen. Und wenn das Feuer vor Lust und Genuß knisterte, jauchzten auch die Menschen vor Freude und Entzücken. Sie beneideten die Flammen um ihr Fest und wollten mit dabei sein. Da stürzten sie sich zum Scheiterhaufen hin und begannen aus den Flammen Stücke des glimmenden Kleides und des brennenden Haares und blutige, brennende Körperfetzen herauszuholen. Die Mönche der Inquisition schlugen mit ihren Peitschen, Spitzruten, Hellebarden auf die Köpfe der Menge ein, allein es half nichts — der römische Pöbel war von Blut und Feuer trunken. Ebensowenig wirkte es, daß die Nonnen das Bild der Jephtha immer höher über den Köpfen der Menge erhoben, Lob- und Danklieder anstimmten und vor dem Bild niederknieten. Der Pöbel diente ja jetzt einem anderen Gotte und mochte nicht die toten Götter der Bilder. Der alte Gott Moloch war wieder auferstanden und der römische Pöbel verrichtete den Dienst dieses Gottes — tanzte und freute sich mit ihm über sein Opfer. Zusammen mit den Feuerzungen trank auch er das Blut der lebenden Jephtha, zusammen mit den Flammen knickte er die Glieder des jungen Mädchenkörpers, zusammen mit ihnen jauchzte er vor Freude auf über jeden Tropfen Blut der lebenden Jungfrau, über jedes Stück Fleisch, das von den Flammen verzehrt wurde ... Die Nonnen des Klosters zum „Heiligen Herzen“ standen aber einsam mit dem Bilde Jephthas und knieten vor ihm nieder und sangen zu ihm ihre Lieder, während die Flammen die letzten Reste der heiligen Jephtha zerstörten. Plötzlich schlug sich ein wild aussehender junger Mann mit blassem Gesicht, der in ein schwarzes Gewand gehüllt war, durch die aufgeregte Menge zu den Nonnen mit dem Heiligenbild durch, zückte einen Dolch unter seinem schwarzen Gewände und stieß ihn dem Bilde ins Herz. Aus den Kehlen der Nonnen, der Priester und der Mönche entrang sich ein Schrei des Entsetzens. Ein paar Minuten lang verstummten alle, warfen sich auf, die Knie vor dem durchstochenen Bilde, und die aufgereizte Menge blickte sich ängstlich um. Der blasse junge Mann hielt noch den Dolch in seiner Hand ausgestreckt und rief laut mit unmenschlicher Stimme: „Volk von Rom! Ich habe sie in Unreinheit gemalt und mit sündhafter Begierde geschaffen. Sie ist die Unreine“ (dabei zeigte er mit Dolch auf das Heiligenbild) „die Heilige wird dort im Feuer verbrannt!“ Viele Zeugen aus der Menge, die an diesem Tage auf dem Campo di fiera versammelt waren, sagten später unter ihrem Eide aus, daß sie es mit ihren eigenen Augen gesehen haben, und die Chronisten der Kirche trugen es in ihre Annalen für die kommenden Geschlechter ein, daß, als*der wahnsinnig gewordene Maler Pastila mit seinem Dolch das Heiligenbild „Die Mutter der Liebe“ durchstach, aus diesem ein Strom Blutes hervorgespritzt sei. Die Nonnen des Klosters zum , .Heiligen Herzen“ aber zeigen noch bis auf den heutigen Tag zwei Tropfen geronnenen Blutes auf der Brust der „Mutter der Liebe“, deren Bild sich in ihrem Kloster befindet, und die noch heute als die Schutzheilige der Verliebten gilt.

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