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Das jüdische Echo · 1928-01-01 · 13 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien · p. Seite 55

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Journal
Das jüdische Echo
Volume
Romanbeilage des Jüdischen Echo
Issue
13 (1928) Richter und Narr/ Die Zauberin von Kastilien
Date
1928-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13 Romanbeilage des „Jüdischen Echos“ 55 DIE ZAUBERIN VON KASTILIEN VON SCHALOM ASCH (Copyright by R. Löwit, Wien, Leipzig) 13. Fortsetzung Eine Schar von Ofenheizern und Schornsteinfegern in schwarzen Gewändern eröffnete den Zug. Sie hatten ein Anrecht auf diesen Platz weil sie bei allen Inquisitionsfesten die heilige Pflicht auf sich nahmen, das nötige Brennmaterial zu liefern. In den Händen hielten sie schwarze brennende Fackeln, mit denen der Scheiterhaufen in Brand gesteckt werden sollte. Ihnen folgten die Dominikaner mit Heiligenbildern aus verschiedenen römischen Kirchen, die den Gläubigen durch die von ihnen vollbrachten Wunder bekannt waren. Jedes Bild hatte seinen besonderen Namen und seine besonderen Anhänger, wie wenn es ein lebender Herrscher wäre, der seine besonderen Favoriten hatte. Einer der Heiligen war der Schirmherr der Weinhändler; der andere — der Wollfärber; der dritte — der Bäcker; selbst die Straßenweiber hatten eine Schutzheilige; und jedermann fiel beim Anblick des Schutzpatrons seines Berufs auf die Knie und rief aus: „Es lebe der Glaube!“ Den Mönchen folgten die reuigen Sünder, die mit Büßerhemden bekleidet waren. Das waren Marranen und Christen, die von der Inquisition beschuldigt waren, die Vorschriften des jüdischen Rituals befolgt zu haben, und die Tortur nicht auszuhalten vermocht und ihre Sünden schließlich gestanden hatten. Die Kirche hatte sie der Strafe überliefert, sie jahrelang in feuchten Kerkern bei Brot und Wasser gehalten und sie auch sonst in jeglicher Weise gepeinigt. Bei jeder Prozession aber, die die Inquisition veranstaltete, wurden sie hervorgeholt und im Zuge mitgeführt, um den großen Sieg der Kirche auf diese Weise zu veranschaulichen. Diese Büßer marschierten einzeln, oder aber sie wurden von den Mönchen der Inquisition auf Karren, kleinen Wagen und Tragstühlen gefahren. Das geschah aber nur, wenn ihre Glieder dermaßen von den Torturrädern beschädigt waren, daß sie selbst nicht mehr gehen konnten. Das war der Zug der Kirche; Schatten von Menschen, deren Gesichter infolge der ausgestandenen Leiden ausgemergelt und verzerrt waren, und die in ihren langen Büßerhemden nicht wie Menschen, sondern wie Teufel aussahen. Diese Hemden trugen das Verzeichnis ihrer Sünden, außerdem waren auf ihnen Teufel, böse Geister und Zauberer, mit denen die Schuldigen verkehrt hatten, abgemalt. In ihren Händen hielten die Büßer brennende Kerzen, als befänden sie sich auf ihrem Todesgang. Einige von ihnen waren von den ausgestandenen Leiden und der langen Einzelhaft in den dunklen Kerkern wahnsinnig geworden. Diese Unglücklichen wurden von den Mönchen an schweren eisernen Ketten geführt. Andere waren von den Qualen schwachsinnig geworden; sie lächelten gutmütig mit ihren krankhaften stieren Augen der breiten Volksmenge zu, die s!ich in den Straßen, den Fenstern und auf den Baikonen, an denen die Prozession vorbeiging, dicht zusammendrängte. Andere Büßer wiederum, die phantastisch bemalte Hemden trugen, liefen aus der Prozession heraus und fielen der Menge zu Füßen, um wegen ihrer Sünden gezüchtigt und mit Füßen getreten zu werden. Das mußten sie jedesmal tun, wenn man sie aus den Kerkern hervorholte und der Menge zeigte. Und das Volk schlug sie denn auch und trat sie mit Füßen. Die Frauen spuckten ihnen ins Gesicht. Die Büßer erwiderten aber darauf mit einem dankbaren, idiotisch gutmütigen Lächeln. Andere Büßer wiederum, mit brennenden Kerzen in der Hand, gingen hochaufgerichtet, gleichgültig einher und waren gleich erstarrten Statuen anzusehen. Mit ihren phantastisch bemalten Hemden über den skeletthaften Gliedern, mit den nackten, blutunterlaufenen Füßen, dem wild zerzausten Haar und den erloschenen Augen marschierten sie mit in der Prozession, als wäre es ihr Todesgang. Wieder andere Büßer wurden von schwarzgekleideten Dominikanern in offenen Tragstühlen getragen. Sie saßen auf diesen Stühlen mit todblassen Gesichtern und hielten ebenfalls brennende Kerzen in ihren Händen. Diese lebenden Leichname jagten dem römischen Pöbel besonderen Schrecken ein. Die Menge kniete, bekreuzte sich und betete zu Gott, er möge sie davor bewahren, auch einmal zu straucheln und der Sünde des Judentums zu verfallen.

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